… es muss ein Albtraum gewesen und kann nicht wirklich geschehen sein. Mitten in der Nacht erwachte ich. Kein Geräusch war zu hören, weder von außen noch von innen. Und doch spürte ich – nein, ich wusste – ich war nicht allein! Ich setzte mich auf und sah in die Dunkelheit. Nach und nach erkannte ich die Umrisse meines Zimmers, aber etwas stimmte nicht. Etwas stimmte ganz und gar nicht! Dort! Ein noch dunklerer riesiger Fleck in meinem dunklen Zimmer. Er war breiter als mein Schreibtisch und fast so hoch wie mein Bücherregal. Und jetzt hörte ich es. Ich hörte – absolut lächerlich, ich weiß – aber ich hörte eine tiefe langezogene Stimme das Wort “Dosenöffner” sagen. Natürlich konnte ich nicht glauben, was ich hörte. Genauso wenig wie ich glauben konnte, was ich sah und starrte mit klopfendem Herzen in die noch dunklere Dunkelheit hinein. Dann hörte ich es wieder: “Dooosennnnöfffffnerrrrr.”
Wenn ich es beschreiben sollte, würde ich sagen, es war so eine Art brummender Singsang.
Ganz leise flüsterte ich zurück: “Dosenöffner?”
“Endlich!”, sagte die Stimme. “Ja. Dosenöffner! Futterautomat! Um es eleganter auszudrücken: Futterspender! Genau dich meine ich, Futterspender.”
“Mich?”, flüsterte ich zurück.
“Ja! Dich! Bist du nicht die Sklavin von Neheh und Djet?“
“Neheh und Djet? Wie bitte?”, fragte ich fassungslos.
“Neheh und Djet! Leider hast du sie Tim und Toffee genannt.”
“Ja“, ich stöhnte erleichtert auf. ”Tim und Toffee, die füttere ich, das stimmt. Und wer bist du?”
“Du darfst mich Siezen, Futterspender. Ich bin Bastet, die Göttin mit dem Katzenkopf.”
Allmählich erkannte ich tatsächlich die Umrisse einer riesigen Katze.
“Du…”, begann ich und besann mich eines besseren als ich ein Fauchen hörte. “Entschuldigen Sie, tut mir schrecklich leid. Sie kommen extra aus Ägypten wegen Tim und Toffee?” Langsam fühlte ich mich mutiger. Ein leichter Lachreiz packte mich sogar, bis Bastet mir plötzlich ihre ausgefahrenen Krallen zeigte.
“Still!”, fuhr sie mich an. “Still und höre mir zu! Aber erst”, sagte sie, “erst will ich dir etwas zeigen.”
Mein Zimmer wurde heller. Ich sah Tim und Toffee rechts und links zu ihren riesigen Füßen sitzen – sie hatte Menschenfüße, tatsächlich. Und während ich noch auf die drei so ungleichen Katzen schaute, strömten sie herein: Katzen! Große Katzen, kleine Katzen, Katzen jeden Alters, jeder Farbe, schwarze, weiße, getupfte, getigerte, rote, graue, bunte, wahrscheinlich auch einige karierte. Ich sah und hörte dicke Katzen, dünne, muntere, kranke, lustige, mürrische, verschlafene, fauchende, schnurrende. Es nahm kein Ende. Sie strömten und strömten. Mehr und mehr. Sie flossen über meinen Schreibtisch, über mein Bett, am Bücherregal hinauf, mehr, immer mehr. Noch bevor ich anfangen konnte, zu schreien, barsten die Wände. Ich stand im Freien und sah so weit mein Blick reichte: Katzen.
“Siehst du das?”, fragte Bastet.
“Oh”, sagte ich mit einem Anflug von grimmigem Humor, “es ist nicht zu übersehen”, und fühlte heimlich, ob mir schon spitze Ohren und Schnurrhaare wachsen. Kichernd stellte ich fest, dass es noch nicht so war.
“Nimm dich zusammen!“, fauchte Bastet. ”Ich bin in einer äußerst ernsten Angelegenheit hier.”
Ich rang um Fassung: “Entschuldigen Sie bitte, was verschafft mir die Ehre? Haben Sie Ihre Heerscharen mitgebracht?“
“Nein!”, Bastet sah mich freundlich an. “Du wirst sie alle bedienen müssen!”
“Ich? Wie komme ich dazu?”, schon wieder spürte ich einen Lachreiz aufsteigen.
“Siehst du Tim und Toffee? Die beiden Süßen, wie du sie nennst? Sie werden in etwa zwei Monaten Nachwuchs bekommen.”
“Nein wirklich?”, sagte ich nun schon leicht gelangweilt. “Das ist bei Katzen so.”
“Gut. Sie werden von nun an mindestens zwei Mal jährlich Nachwuchs bekommen. Unsere Wissenschaftler haben berechnet, dass bei 5,6 Kätzchen Nachwuchs im Jahr pro Katze, du in zehn Jahren… na, was meinst du? Wie viele werden es sein? Tausende? Hundertausende? Etwa noch mehr? Millionen, Futterspender, du wirst Millionen bedienen müssen!“
“Ich?”, rief ich und lachte jetzt laut.
“Ja, du.” Bastet sah mich an, grinste und verschwand.
Ich stand inmitten der Katzen, die mich mit funkelnden Augen ansahen, hunderte und tausende von Katzen, die, wo auch immer ich hinsah, um mich herum standen. Sie kamen näher, kreisten mich langsam ein. Als die ersten an meinen Beinen hochkletterten, begann ich zu schreien und erwachte in meinem Zimmer. Ich sah Tim und Toffee, die friedlich schlafend auf ihren Plätzen lagen, rannte zum Telefon, rief den Tierarzt an und einen Tag später konnte der Albtraum der Millionen Katzen nicht mehr wahr werden. Tim und Toffee sind wohlauf, fangen Mäuse wie eh und jeh. Die fürchterliche Bastet aber sah ich nie wieder.
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Ich habe mich inzwischen informiert und herausgefunden, dass „Neheh“, grob übersetzt, Tag oder Morgen oder Anfang bedeutet und „Djet“ Nacht oder Gestern oder Ende. Aber ob die Berechnungen Bastets, der ägyptischen Göttin mit dem Katzenkopf, stimmen oder ob sie unter Umständen einfach nur übertrieben sind… ähemmmm,… um das zu überprüfen, fehlt mir leider die Zeit.
Verfasserin: Heidelore Mais
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