Alles schlummerte

Die Luft, warm und duftgeschwängert, war regungslos;
ab und zu durchflog sie ein Zittern, wie das Zittern des Wassers,
das vom Fall eines Zweiges berührt wird.
Man fühlte ein Sehnen, eine Art Durst in dieser warmen Luft.
Ich beugte mich über den Zaun:
vor mir streckte ein wilder roter Mohn aus dichtem Gras
seinen schlanken Stengel hervor:
ein großer runder Tropfen nächtlichen Taus glänzte
in dunklem Schimmer auf dem Grund der geöffneten Krone.
Alles umher war wie in sich selbst versunken;
alles schien hingestreckt,
unbeweglich und erwartungsvoll den Blick nach oben gerichtet zu haben.
Worauf harrte diese blaue, träumende Nacht?...

 

Iwan Turgenjew




Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

 

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo sich Feste verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

 

Friedrich Hölderlin

 

 

Frühlingsgedränge

Frühlingskinder im bunten Gedränge,
Flatternde Blüthen, duftende Hauche,
Schmachtende, jubelnde Liebesgesänge
Stürzen an's Herz mir aus jedem Strauche.

Frühlingskinder mein Herz umschwärmen,
Flüstern hinein mit schmeichelnden Worten,
Rufen hinein mit trunkenem Lärmen,
Rütteln an längst verschlossenen Pforten.

Frühlingskinder, mein Herz umringend,
Was doch sucht ihr darin so dringend?
Hab' ich's verrathen euch jüngst im Traume,
Schlummernd unter dem Blüthenbaume?

Brachten euch Morgenwinde die Sage,
Daß ich im Herzen eingeschlossen
Euren lieblichen Spielgenossen,
Heimlich und selig - ihr Bildniß trage?

Nikolaus Lenau





Frühling

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!"

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?

Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!"

Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?

Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
"Der Frühling, der Frühling!" - da wusst' ich genug!

 

Heinrich Seidel

 

 

 

 

Vom Gras der erste Schimmer

Vom Gras der erste Schimmer,
Als fiel vom grünen Seidenkleid meiner Liebsten
Auf den braunen Wegrand ein grüner Glimmer.
Bald gehen ihre und meine Schuhe ohne Ziel
Durch die grüne Ruhe im Feld immer weiter, immer,
Dann holen die Nachtigallen zum Liebesspiel
Alle Lieder aus dem Berg, wie aus einer eisernen Truhe.
Alles das und noch mehr verspricht von dem bischen Gras
Der erste Schimmer.

 

Max Dauthendey

 

 

 

 

Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus

Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus,
Es geht ihr das Frühlingsfeuer lang nicht aus.
Sie schreibt goldene Schrift an jedes Gemäuer,
Und jeder Grashalm auf der jungen Trift ist ihr teuer.
Sie hält die Aprilwolken, die schweren, umschlungen;
Und ist sie fern wie ein Lied, und zögernd im Leeren verklungen.
Und kommt der Abend grau an mein Zimmer heran,
Als ob jedes Glück meine Schwelle mied,
Dann zündet mir die Liebste die Helle ihres Herzens an.

 

Max Dauthendey

 

 

 

 

Als sitzen die Frühlingsgötter auf jedem Dach

Wie wilder Vögel Gewimmel
Verschieben sich Berge und Himmel,
Die Wolken die Berge vertrieben.
Wolken haben die Berge begraben,
Frühlingswolken, die donnernd traben.
Donnerfüße die Äcker wach treten,
Wolkenhände die Erdklumpen kneten,
Als sitzen die Frühlingsgötter auf jedem Dach
Und bilden sich Menschen ihrem Herzen nach.

 

Max Dauthendey

 

 

 

 

In einem Garten


unter dunklen Bäumen
erwarten wir die Frühlingsnacht.

Noch glänzt kein Stern.

Aus einem Fenster,
schwellend,
die Töne einer Geige. . . .

Der Goldregen blinkt,
der Flieder duftet,
in unsern Herzen geht der Mond auf!

 

Arno Holz

 

 

 

 

Frühling läßt sein blaues Band


Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

 

Eduard Mörike

 

 

 

 

Frühlingsahnung

Rosa Wölkchen überm Wald
wissen noch vom Abendrot dahinter -
überwunden ist der Winter,
Frühling kommt nun bald.

 

Unterm Monde silberweiß,
zwischen Wipfeln schwarz und kraus
flügelt eine Fledermaus
ihren ersten Kreis...

 

Rosa Wölkchen überm Wald
wissen noch vom Abendrot dahinter
überwunden ist der Winter,
Frühling kommt nun bald.

 

Christian Morgenstern

 

 

 

 

Frühlingsversprechen

Von goldnem Sonnenlicht umflossen,
erwacht das Leben, um zu träumen.
Der Frühling lächelt in den Bäumen
und Wiesen, blühende Genossen.

 

So mag ein Erdentag beginnen,
beschirmt von Himmels hellem Blau,
und ich erleb’ mit allen Sinnen
des Frühlings zarte Blütenschau.

 

Lass mich von Licht und Duft betören,
der frühen Vögel süßem Lied.
Das Leben darf auch dir gehören,
so flüstert ’s zärtlich ins Gemüt.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingsabend

Im milden Schein der goldnen Abendsonne
vergeht nun langsam dieser Frühlingstag,
der uns geschenkt so wohlig Wärme, Wonne,
wie man es fast nicht schöner kennen mag.

 

Bald zeigt sich hier der Stille Traumgesicht.
Von ferne höre ich noch Flugzeuggrummeln.
Nach Hause fliegen nun die letzten Hummeln.
Allmählich rötet sich das Abendlicht.

 

Die Amsel sitzt in hohen Baumes Wipfel,
singt süß hier ihre Abendmelodie,
die dann verstummt; hoch ragt des Berges Gipfel,
ein Schattenriss der Abendsinfonie.

 

So geht der Tag, versinkt in roter Glut;
beglückt erschau’ ich diese Farbenflut.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Maiabend

Ein Maientag geht nun zu Ende.
Die Blüten schließen sich zur Ruh,
damit der Nachtfrost im Gelände
sie nicht zerstört in einem Nu.

 

Die Sonne schickt noch milden Schein,
lugt halb dort überm Dach hervor
und Schatten wachsen, fangen ein
was sich der Tag so hell erkor.

 

Nun da die Vögel sind im Nest,
die ersten Sterne funkeln,
zünd’ ich an für des Abends Rest
mein Windlicht hier im Dunkeln.

 

Genieße diese Abendstille,
sanft ist der Glocken Klang verhallt,
und freue mich an Frühlings Fülle,
die duftend aus dem Garten wallt.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Maimacht

Es grünt so hoffnungsfroh der Mai.
Der Blütenkerzen Lichter
erleuchten den Kastanienbaum
in der Allee, ein weißer Traum
und rosige Gesichter.

 

Es singt so wunderhell der Mai.
Der Vögel süße Lieder
erklingen, hellen auf den Tag.
Der Amsel Flötenlied, ich mag
es hören immer wieder.

 

Berauschend duftet er der Mai.
Das Potpourri der Düfte
umschmeichelt und betört die Sinne.
Ein Hauch von zärtlich süßer Minne
schwebt lieblich durch die Lüfte.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingsmorgen am See

Ein Nebellied, still ruhend liegt der See.
Der Wind, er fächelt, flüstert in den Bäumen;
und rosig, lugend über Berges Höh’,
mag Sonne lächelnd nun den Tag erträumen.

 

Die Wiese ward von Tau zart wach geküsst,
es glitzern, funkeln schillernd viele Perlen.
Das Vogelvolk, das freudig zwitschert, ist
geflogen in die Wipfel grüner Erlen.

 

Und bald erfüllt der Sonne goldnes Strahlen
das Tal, in lichtem Blau blinkt auf der See,
des Himmels Spiegel; nur zwei Wölkchen malen
sich zärtlich in das Bild, so weiß wie Schnee.

 

Andächtig stehst du, fühlst mit allen Sinnen
des Frühlingstages liebliches Beginnen.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingsmittag

Der Garten ruht in sanfter Mittagsstille.
Die Sonne glänzt, des Himmels klares Blau
ergänzt nun licht des Frühlingstages Fülle,
schafft den Kontrast zu zarter Blüten Schau.

 

Und hier, im Duft des Blütenhains verwoben,
genieße ich die Stunde, die geschenkt,
fühl’ mich lebendig, lieb umarmt, erhoben
in einer Schöpfung, die in Schönheit denkt.

 

So ist das Paradies. Dies Fleckchen Erde,
es birgt für mich das zärtlich’ kleine Glück.
Und eingebettet in ein Wachsen, Werden,
halt’ ich die Zeit an, einen Augenblick.

 

Von Leben, Liebe, tief berührt, betroffen,
sehe ich weit, ganz weit den Himmel offen.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingslied

Noch immer sind es jene Sternenlieder,
die Dich entführen sanft in Harmonie.
Du hörst die Klänge und ersehnst dir wieder
dies’ Lächeln aus dem Land der Phantasie.

 

Seit Kindertagen wecken Frühlingsträume
in dir ein Sehnen, das nach Leben ruft,
und Schmetterlinge schwirren in den Räumen,
die als Refugium du eingestuft.

 

Dir wachsen Flügel, zärtliche Gedanken,
sie öffnen auch der Liebe weit das Tor;
und in den Gärten unter Blütenranken
lugt schalkhaft so ein kleiner Faun hervor.

 

Du hörst es wohl, der Flötentöne Klingen
und möchtest hoch dich in die Himmel schwingen.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Morgendämmerung

Nun, da sich Nacht und Tag berühren
und Nebelhauch die Wiesen küsst,
die Vögel schon das Licht erspüren,
ihr Singen hell zu hören ist,

 

erhebst auch du dich, schaust hinaus
und siehst beglückt der Bäume Blüte,
ein zartes Leuchten rings ums Haus,
und dankst dem Schöpfer für die Güte.

 

Für alles Leben, hier im Werden,
der Morgenröte sanftes Licht.
Wie schön zeigt uns jetzt doch die Erde
ihr frühlingsmildes Angesicht!

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Straße im Vorfrühling

Noch unbelaubt, doch knospend stehen Bäume
wie zur Parade hier in der Allee.
Die Hausfassaden scheinen sanft zu träumen,
die Bürgersteige säumt ein Rest von Schnee.

 

Die Sonne, die verzagt vom Himmel blickt,
verleiht der Straße graue Winterblässe.
In Vorgärten Schneeglöckchen schon entzückt
und zeigt, dass Frühling doch nicht ward vergessen.

 

Gar lange wird es wohl nun nicht mehr währen,
dann grünt und blüht es hier; ein kleines Lied
der Amsel mag es jetzt schon süß beschwören,
dass Lenz in seiner Leichtigkeit einzieht.

 

Dann öffnen weit sich auch der Häuser Fenster,
vertrieben sind des Winters Frost-Gespenster.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingsmittag

Friedlich schöne Mittagsstunde!
Hier im hellen Sonnenlicht
hör’ und fühl’ ich Frühlings Kunde,
sehe, wie er lächelnd spricht.

 

Von des Lebens jungem Werden,
Wachsen, Grünen, Neubeginn.
Er entlockt der kleinen Erde,
zärtlich flüsternd, Blütensinn.

 

Froh gestimmt die Vögel singen,
fliegen leicht beschwingt, die Luft
ist erfüllt von süßem Klingen
und der Blüten mildem Duft.

 

Friedlich schöne Mittagsstunde!
Mir ist auch nun leicht zu Mut,
träum’ im Park bei der Rotunde,
Lebensfreude tut so gut!

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingstag

Es blickt ein heller Tag dir ins Gesicht
und spricht von Freude, lässt die Sonne strahlen.
Mir ist, als habe Lenz jetzt ein Gedicht
geschrieben, sanft es in die Wiesen malend.

 

Da leuchten lila, gelb und weiß im Grünen
die Krokusgrüppchen und die Winterlinge,
und über mir dort hoch am Himmel ziehen
die Kraniche, ich hör’ den Frühling singen.

 

Er singt betörend seine zarte Weise
von neuem Werden, Liebe, Blütenduft,
und auch die Bächlein murmeln, flüstern leise,
vom Eis befreit, da nun das Meer sie ruft.

 

Das große Meer des Lebens, dessen Schäume
uns tragen und der Sehnsucht Hoffnungsträume.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingstag

Der Frühling träumt im Apfelbaum;

sein Kleid aus weißen Blüten

glänzt leuchtend vor des Himmels Blau.

Die Sonne strahlt in Güte.

Ein Tag , dem Paradies entliehen,

der uns sein Lächeln schenkt.

Was Trübsal heißt, muss da entfliehen,

das Glück die Sinne lenkt.

Und auf der Wiese tanzt das Kind,

die Arme ausgestreckt,

als habe es im milden Wind

sein Leben neu entdeckt.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Vorfrühling

Schon schnurren hier am See der Weide Kätzchen,

vom warmen Sonnenlicht so sanft geweckt.

Zwei Schwäne finden dort ihr Liebesplätzchen,

im Uferdickicht kauern sie versteckt.

Gemeinsam werden sie durchs Wasser gleiten,

sobald der See sich hat vom Eis befreit.

Der Frühling wird die Liebenden begleiten,

zum Tanze führen, er hält sich bereit.

Lässt bald den kleinen Park erneut erblühen,

und du und ich, wir freuen uns daran,

vergessen dann den Alltag, Lebens Mühen

und schauen seine Schönheit dankbar an.

Denn alles Schöne, das die Sinne lenkt,

auch unsre Seele tief beglückt, beschenkt.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Frühlingsflausen

Könnt’ ich meinen Traum besingen,

und die Sterne in der Nacht

würden mit im Takte schwingen

hell in ihrer Strahlen Pracht.

So das Dunkel ganz verdrängen,

das dem All zur Nacht entsteigt,

Blütenlieder, Engel sängen,

und der Mond ein Ständchen geigt.

Aber alles sind nur Flausen

einer lichten Maiennacht,

die in Fliederbäumen hausen,

wo ein Frühlingskobold lacht.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

 

 

Blauer Tag

Der Tag ist jung und zeigt sich als Matrose.
Er segelt froh dahin in lichtem Blau.
Es weht ein frischer Wind, bläht Hemd und Hose,
zum Abschied küsst er noch die Wolkenfrau.

 

Nun ruft das wilde Meer, des Lebens Weite,
die Segel waren lange schon gehisst,
und jetzt erlauben endlich die Gezeiten,
dass man die graue Wartezeit vergisst.

 

Wir fahren, gleiten mit auf seinem Schiff
erfreuen uns im leichten Wellenwiegen,
umfahren sicher manches schroffe Riff
und leben auf in Frühlings neuem Siegen.

 

So recht im Wind, taxierend Lee und Luv,
folgen auch wir des Fernwehs Sehnsuchtsruf.

 

© Ingrid Herta Drewing

 

 

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