Der große Gott Mau

 

In den kalenderlosen Tagen vor dem Erscheinen des Menschen schufen Vulkane in gewaltigen Ausbrüchen neue Bergkegel und riesige, von Wasser durchflossene Schluchten. Zu dieser Zeit erschien auch eine neue Tierart. Es war ein kleines kurzbeiniges Tier mit glatthaarigem Körper und langem Schwanz. Es hieß Miacis und war bestimmt, verschiedene Säugetierfamilien zu begründen, unter ihnen auch die Gattungsgruppe der Kleinkatzen.


Als der Mensch auftauchte, jagte er und sammelte Nahrung, aber er verzehrte keine Katzen. Sie waren zu nützlich, als dass man sie einfach hätte essen können. Er entdeckte, dass sie seine kostbaren Körnervorräte vor Ratten und Mäusen beschützte. So wurde die Katze zur Beschützerin der Kornspeicher und in Ägypten so heilig wie die Götter gehalten.


Die Katzengöttin hieß Bastet, Bast oder auch Pasht. Sie wurde als große, schlanke Frau mit einem Katzenkopf dargestellt, die in den Händen ein Musikinstrument hielt, einen Schild und einen Korb mit jungen Katzen. Ihr Tempel stand in Bubastis, östlich vom Nildelta, und war schöner als alle anderen Tempel. Die Katze des Alten Ägypten war ein auffallend elegantes Tier mit langem Hals und schmalen Schultern, wildfarben oder rotbraun, ein Wesen von hoher Würde und großem Selbstbewußtsein. Katzen wurden auch gehalten, um die Familie vor Giftschlangen zu schützen, und es gab strenge Gesetze zu ihrem Schutz. Eine Katze zu töten, wurde mit der Todesstrafe geahndet.


Mau war eine solche hoch in Ehren gehaltene altägyptische Katze. Er wurde regelmäßig in den weitläufigen Tempel

der Katzengöttin in Bubastis gebracht. Die lange Reise von Theben bis zu dem Tempel wurde in einem goldenen Boot zurückgelegt, und Mau wurde von eigenen Dienern begleitet. Der Pharao reiste in einem anderen Boot mit seiner Gemahlin. Sie kamen mit Pomp und Zeremonien zu den Festen, die zu Ehren Bastets abgehalten wurden.


Mau war jedesmal vom Glanz des Tempels beeindruckt, aber er zeigte das nicht. Hochragende Blöcke aus rotem Granit beherrschten den Platz. Auf jeder Seite verlief ein dreißig Meter breiter Kanal, und in der Mitte befand sich der Schrein
der Göttin, überragt von hohen Palmen. Die Tempelwände waren in vielen Farben reich mit Szenen bemalt, die Geschenke tragende Herrscher zeigten. Die Göttin war so wichtig wie der große Gott Ra.


Mau genoß ebenso viele Ehren. Er durfte auf dem Deck seines Boots frei herumstreifen und auf einem seidenen Kissen schlafen. Er trug in einem seiner großen, spitzen Ohren einen Goldreif, und sein Halsband war mit Juwelen besetzt, wovon die Smaragde zu seinen unergründlichen Augen paßten. An besonderen Tagen wurde ihm auch eine bronzene Halskette mit heiligem Anhänger umgelegt, und ein Amulett mit dem heiligen Sonnenauge des Gottes Gorus. Mau duldete den Schmuck, war aber immer erleichtert, wenn er abgenommen und in ein goldenes Kästchen gelegt wurde.


In Bubastis gab es auch einen Katzenfriedhof, und viele ägyptischen Familien brachten die einbalsamierten Körper zur feierlichen Bestattung dahin. Die kleinen Mumien waren in Leinenstreifen gewickelt oder ruhten in einfachen Strohbehältern. Manche wurden in einem Sarg oder in einer katzenförmigen Kiste gebracht. Mau wußte nichts von diesen Bestattungen. Der Pharao und dessen Gemahlin verehrten ihn, und er führte ein luxuriöses Leben, weil die große Göttin Bastet soviel Macht über Krankheit und Übel hatte. Mau wurde nicht wie Bastet angebetet, aber dem Pharao war er heilig, und niemand wagte einen Widerspruch.


Maus heilige Rolle begann so. Eines Tages jagten der Pharao und die Gemahlin im Nilsumpf, als plötzlich im Schilf der Kater mit drei Wasservögeln erschien. Einen Vogel trug er zwischen den Kiefern, die anderen zwei drückte er mit den Pfoten zu Boden. Die königliche Jagdgesellschaft war vom unvermuteten Anblick Maus überwältigt. Er schien ihnen eine Wiedergeburt der Katze zu sein, die auf dem Grabgemälde des Pharaos Thutmoses II und seiner Gemahlin Hatshepsut abgebildet war; sie waren mit dem Sammeln von Lotusblüten beschäftigt gewesen, als ihnen eine ähnlich ungewöhnliche Katze erschienen war.


Man deutete das als ein Zeichen, und Mau kam mit ihnen in den Pharaonenpalast und wurde als heilig erklärt. Solche Vornehmheit ungewohnt, bestand Mau auf einem gewissen Maß an Freiheit. Der Palast war weiträumig, und Mau verbrachte seine Tage damit, die Hallen und Kornspeicher zu inspizieren. Er kannte jeden Daumenbreit der großen Höfe, Gärten und Zimmer, als hätte er sie erbaut.


Jeden Morgen ging er zum Teich mit seinen schattenspendenden Bäumen, wo er seine Krallen schärfen und die dummen Enten erschrecken konnte. Er schaute zu, wie die Diener Wasser schöpften, und ging dann den Viehställen und Hundezwingern entlang. Den Geruch von dort mochte er nicht. Am liebsten hielt er sich in der Nähe der Küche und der Speicher auf, denn obwohl Mau an des Pharaos Tisch mit Huhn und Fisch aus goldener Schale gefüttert wurde, kamen
ihm kleine Zwischenmahlzeiten gelegen. Die Diener gaben ihm kleine Leckerbissen und Ziegenmilch.


Der Pharao wußte nichts von diesen morgendlichen Streifzügen und bemerkte oft: "Wie heikel Mau beim Essen ist. Sieh doch, er nimmt nur das Beste vom Fisch. Wie wenig er ißt. Ein wahrer Gott wird vom Geist in seinem Innern genährt." In Wirklichkeit hatte der wahre Gott kaum je Hunger. Er suchte nämlich auch die Räume der Gemahlin und ihrer Frauen auf, wo man ihm Süßigkeiten gab und sein Fell mit silbernen Bürsten pflegte. Sie malten seine Krallen mit glänzender Emailfarbe an, und Mau fand dies seltsam und eigentlich nutzlos.


Am Mittag schlenderte Mau durch die große Empfangshalle, wo der Pharao täglich Gericht hielt und Geschenke und Belohnungen austeilte. Mau gesellte sich stets zu ihm. Er saß, lang und elegant, zwischen den Säulen, völlig unberührt vom Jubel der Menge. Die Leute waren der Ansicht, seine Anwesenheit sei ein gutes Zeichen. Sie zeige, dass Bastet
ihnen gegenüber huldvoll sei.


Ein Diener fegte den Boden zwischen den beiden Säulenreihen; man bereitete ein großes Fest vor. Mau mochte den Diener, der Thut hieß. Er war ein einfacher, aber starker junger Mann, und er behandelte Mau gut. Manchmal vergaß er, dass Mau ein Gott war, und ging mit ihm um wie mit einer gewöhnlichen Katze. Mau gefiel das. Er mochte auch Merya,
das Küchenmädchen, mit dem Thut so oft sprach. Sie hatte wunderschönes Haar, gewellt wie Seide.


Mau schaute zu, wie der Besen rhythmisch auf dem Boden hin und her strich. Er duckte sich, sein langer Schwanz mit der schwarzen Spitze peitschte. Schrecklich gern hätte er sich auf den Besen gestürzt und mit ihm auf dem Marmorboden gespielt. Thut bemerkte Maus Blicke und ließ den Besen schnell ein wenig hin und her tanzen, um die Katze zu locken. Maus Schnurrbarthaare zuckten. Lange würde er nicht mehr widerstehen können. Ein leises Knurren stieg aus seiner Kehle. Der Pharao hörte es und fürchtete, die Göttin Bastet sei mißvergnügt. Schnell verdoppelte er das Gold, das er eben einem alten Diener für den Ruhestand gab. Der alte Mann fiel auf seine arthritischen Knie und stammelte erstaunten Dank.

 

Nachts wurde Mau in einem speziellen Schrein auf einem goldseidenen Kissen schlafengelegt. Das Kissen war glatt und unbequem, und so strich er nachts oft durch die Kornspeicher und Lagerräume. Gegen Morgen besuchte er die Räume der Diener. Er kannte das Zimmer, das Merya mit anderen Frauen teilte, und rollte sich zu ihren Füßen zusammen, möglichst ohne sie zu wecken.


"Oh, Mau", flüsterte sie eines Nachts entsetzt, "Mir wird etwas Furchtbares passieren, wenn es herauskommt, dass ich
mit einem Gott schlafe."


Wenn es im Heiligtum Feiern gab, erwachte Mau von den Hymnen der Priester. Er ließ es zu, dass sie ihn in Parfüm badeten und eine Goldkette um seinen Hals legten. Dann wurde er von einer Prozession von Priestern zum Großen Tempel getragen. Granitstatuen des Pharao türmten sich über ihm; jeder Zeh war so groß wie ein Tisch. Große Säulen ragten zum Dach empor und brachen dort in Malereien von Schilfrohren, Papyrusblumen und Lotusknospen aus. Es war alles sehr eindrücklich, doch die beständige Singerei machte ihn schläfrig. Aber wenn er einschlummerte, hob unter den Priestern ein Flüstern an, und so hielt sich Mau wach, indem er sich vorstellte, er fange die gemalten Vögel auf den Säulen.


"Wir werden den Nil hinunterfahren, zum Tal der Könige", sagte der Pharao. "Ich will sehen, wie mein Werk voranschreitet."


Mau wäre fröhlich überallhin mitgegangen. Sie stiegen bei einem Landungssteg aus dem Boot und wurden dem Fuß der Klippen entlang geführt. Eine große Menge Rampen waren aufgebaut worden, und Steine wurden auf Schlitten von angeseilten Arbeitern hinaufgeschleppt. Es waren Tausende von Bauern, die nicht arbeiten konnten, solange das Land vom Nil überschwemmt war. Lange Konvois von Barken hatten die Steine aus fernen Steinbrüchen herangetragen, und Ochsen hatten sie die Uferböschung hinaufgezogen. Steinhauer bearbeiteten die Blöcke, und es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.


Mau fand dies alles sehr staubig und laut. Er nieste zweimal. So viele Leute, die durcheinander wuselten... Er war froh, dass Thut bei den Dienern war, die seine goldenen Eßgeschirre trugen. Er schaute zu, wie man Wasser vor die Schlitten goß, damit sie leichter hinaufrutschten, und versuchte, die Ohren vor dem Mann mit der Klapper zu verschließen, der den Rhythmus angab, damit sich die Kräfte aller Arbeiter miteinander vereinigten.


Mau sah nicht ein, wozu diese hektischen Anstrengungen gut waren, wenn die Leute doch im Nil hätten fischen oder in der Sonne dösen können. Er gab etwa zehn Minuten lang vor, die Arbeiten wie ein Herr zu begutachten, aber dann siegte die Langeweile, und er zog sich in den Schatten seines Bootsschreins zurück und schlief ein. "Seht, der große Gott Mau ist zufrieden", sagte der Pharao beglückt. "Ihm gefällt mein Werk. Er meditiert mit den Göttern und überläßt meinen Händen das große Werk." Die Arbeiter jubelten ihm zu; sie glaubten ihm, obwohl der Pharao keine einzige Schaufel angefaßt hatte. Und die Arbeit ging weiter.

 

Als Mau einige Zeit später wieder einmal nachts im Kornspeicher herumstrich, fiel ihm auf, dass viele Leute herumrannten. Seine Nackenhaare sträubten sich - die Atmosphäre hatte sich verändert. Sie war mit etwas geladen, das er nicht verstand. Einen Moment lang war er alarmiert und versuchte mit allen Sinnen zu verstehen.


"Aber wo ist der große Gott Mau?" flüsterten sie zueinander. "Wo ist Mau? Wir müssen Mau finden."


"Er ist hier", sagte Merya mit Tränen in der Stimme.


Eine Prozession von Booten verließ Theben und fuhr den Nil hinunter. Mau konnte sie nicht zählen. Noch nie hatte er eine so große Prozession gesehen, jedes Schiff beladen mit seltenen Schnitzereien und Statuen, Krügen voll Öl und Wein, Töpfen voll Milch, Kisten voll Gold und Juwelen, Papyrusrollen und wertvollen Ornamenten. Es gab Platten voller Früchte und Brot und sogar lebendige Vögel, deren Beine mit Faden zusammengeschnürt waren.


Das gab wohl ein ganz besonderes Fest, dachte Mau, als sie sich dem Landesteg näherten. Es sah ganz danach aus.
Er beobachtete mit Interesse, wie die Vögel hilflos flatterten. Er war nicht hungrig, aber es lockte ihn, blitzschnell zuzuspringen. Eine lange Reihe von Priestern und Dienern formte sich am Landesteg. Sie begannen, an einem bootsförmigen Schlitten zu zerren, der mit Lotusblüten bedeckt war. Die Königin folgte, jammernd und klagend und streute Staub auf ihr Haupt. Die Prozession ging zuerst zum Bestattungstempel, wo Zeremonien ausgeführt und Innereien in Krüge gefüllt wurden. Mau verstand nicht, warum ihn niemand ansah, nicht einmal Thut. Die Priester zelebrierten den Mundöffnungsritus: heilige Tabletten wurden dem toten Pharao von seinem Sohn in den Mund und
auf die Augen gelegt. Mau lief es kalt den Rücken hinunter, obschon, als die Mumie in den Schacht gesenkt wurde, die Sonne heiß vom Himmel brannte.


Er wurde durch einen engen Eingang in den Fels und durch einen dunklen Gang getragen. Er war unruhig, aber im Schein der Fackeln sah er, dass die Wände mit Inschriften und Szenen aus dem Leben des Pharaos geschmückt waren. Sie gingen an Lagerräumen mit Wohn- und Haushaltgegenständen vorbei. Die Prozession drang immer tiefer ins Herz des Berges hinein, und Mau roch die Feuchtigkeit, obschon Brunnen gegraben worden waren, um Überschwemmungswasser aufzufangen. Sie kamen schließlich zu einer kleinen Kammer, wo die Mumie in einem großen steinernen Sarkophag lag. Die Wände waren von Malereien bedeckt, und es roch durchdringend nach Moschus und Gewürzen.


"Ich finde das grausam", murmelte Thut. "Gottlob wurde die Sitte, den König mit seinem Haushalt zusammen zu begraben, vor Jahren abgeschafft." Er dachte an seine und Meryas Haut. "Der große Gott Mau wird den Weg unseres toten Königs durch die Unterwelt sichern", sagte ein Priester. "Er wird ihm helfen, die Fragen der zweiundvierzig Menschen- und Tiergötter zu beantworten. Dann wird der Gott Osiris dafür sorgen, dass Mau zu uns zurückkommt. Ihr werdet schon sehen." Thut hoffte, er habe recht. Er fühlte zu Mau eine große Zuneigung, ob er nun ein Gott war oder nicht. Der Kater hatte ihn getröstet und auf seltsame Weise eine bessere Zukunft erhoffen lassen.


Mau saß aufmerksam auf seinem goldenen Kissen, die spitzen Ohren weit geöffnet in Erwartung eines Tons, der das Geheimnis der heutigen Ereignisse preisgeben würde. Er trug das schwerste der zeremoniellen Halsbänder, und das war ein schlechtes Zeichen. Das Halsband rieb gegen seine Schulterblätter; er hoffte, Thut nehme es bald weg. Sie alle hörten ein tiefes Grollen und dann Poltern, als man begann, den Schacht mit Steinen und Erde aufzufüllen. Die Priester beschleunigten ihre Zeremonien, obwohl ihnen keine Gefahr drohte.


Thut legte seine Hand kurz auf Maus Kopf und berührte das kurze rötliche Fell. "Adieu, alter Freund", flüsterte er.


Die Bewegung fiel einem Priester auf. "Du wagst es, den großen Gott Mau zu berühren", zischte er. "Du wirst bestraft werden." "Bloß weil es Glück bringt", flehte der junge Thut und neigte seinen Kopf. "Ich bin niemand vor dem großen Gott. Ich bin sein Diener." "Aus dem Weg!" Die Priester eilten vorüber und gingen den Weg zurück, durch Gänge und über Treppen, bis zum Haupteingang des Grabs. Sie gaben den Befehl, den Eingang zu versiegeln und zu tarnen.


Mau schenkte seiner Umgebung zuerst keine Beachtung. Er glaubte an ein seltsames Spiel und wartete darauf, dass jemand komme und ihn hole. Er erinnerte sich, wo er in den Kornspeichern eine Maus gesehen hatte, und war ungeduldig, sie zu fangen. Er nieste, als sich der Staub rund herum setzte und das Echo der Laute außerhalb der Kammer verstummte. Er hatte das Gefühl, allein zu sein. Schließlich streckte er die Beine und sprang vom Kissen herunter. Dabei entdeckte er, dass sein Halsband mit einer Kette am zierlich geschnitzten Stuhl befestigt war, auf dem das Kissen lag. Er knurrte die Kette an und schüttelte sie zornig. Er riß daran, sprang bald hierhin, bald dorthin, aber die Goldplatten um seinen Hals rissen ihn hart zurück.


Er kauerte sich am Ende der ausgestreckten Kette nieder, sein Schwanz peitschte vor Wut. Aber es kroch auch die erste Angst in ihm hoch. Man hatte ihn noch nie angekettet. Wieder warf er sich gegen Kette, Stuhl und Kissen, bis er sich erschöpft hinlegte und einschlief.


Als er erwachte, glaubte er zuerst, wieder im Palast zu sein, bei den Gärten und dem schattigen, von Bäumen umgebenen Teich. Dann erinnerte ihn Dunkelheit, Geruch und das schwere Halsband daran, dass er noch immer ein Gefangener war. Er drehte und wand sich, legte die Ohren flach und versuchte, das Halsband über seinen Schädel zu ziehen. Dann begann er am Stuhl zu kratzen, aber er war aus Hartholz, und nach Stunden hatten seine Krallen ihn erst geritzt.


Er stieß einen lauten, durchdringenden Schrei aus, der durch die Gänge hallte. Die Kerzen flackerten in tiefen Wachsteichen, und der Weihrauch stieg gegen die Decke der Grabkammer. Es wurde allmählich sehr kalt.


Mit der Zeit quälten Mau Hunger und Durst. Er wußte, er wurde schwächer. Er mußte etwas zu essen finden, bevor er die Kraft, sich zu bewegen, verlor. Mit enormer Anstrengung schleppte er den Stuhl über den Felsboden; das Halsband grub sich in seinen Hals und würgte ihn. Viele Male mußte er anhalten und ausruhen. Zufällig stieß er einen der Krüge um; Wasser rann auf den Boden und sammelte sich in kleinen Lachen. Mau leckte es mit seiner ausgetrockneten Zunge begierig auf.


Er fand weithalsige Tonkrüge voll Korn und Datteln. Seine Urahnen, die Miacis, hatten Früchte gegessen. Mau schlang das Zeug hinunter; ihm war egal, was er aß. Vielleicht, wenn er sehr schnell war, könnte er eine Eidechse fangen. Sein Hals war wegen seiner Versuche, den Stuhl herumzuschleppen, voll offener Wunden. Er wurde magerer, und das Halsband lockerte sich, doch konnte er seinen Kopf immer noch nicht befreien. Der Handwerker, der den schweren Goldschmuck angefertigt hatte, hatte ihn sorgfältig angemessen.


Tage und Wochen gingen vorbei. Mau lebte in der Hölle. Die entzündeten Wunden bereiteten ihm ständige Schmerzen. Korn und Datteln waren längst aufgegessen: jetzt aß er Kerzenwachs aus den dunklen Teichen. Er hatte die Außenwelt fast vergessen, aber er klammerte sich ans Leben. Seine Träume waren wirr, und viele Erinnerungen durchzuckten seine dünnen Glieder.


Er hörte kaum die leisen Schritte der Räuber, die verstohlen und vorsichtig den Gang herunterkamen. Ihre brennenden Fackeln warfen lange Schatten; es war ihr Licht, das Mau als erstes durch halbgeschlossene Augen wahrnahm. Er verharrte unbeweglich, als die Gestalten die Grabkammer betraten. Mau traute niemandem. Die Männer hatten dunkle Gesichter und trugen zerfetzte Kleider. Sie flüsterten und zitterten vor Nervosität. Sie faßten den Steinsarkophag zuerst mit Ehrfurcht an, aber sie hatten Hebel in der Hand und bald suchten sie eine Fuge. Mau lag im Schatten und beobachtete sie; sein Herz schlug schwach gegen seine Rippen.


Eine Flamme schlug hoch und warf einen kurzen Lichtschein auf Maus Halsband. Einer der Räuber sah den Glanz des Goldes. Seine Augen leuchteten auf.


"Gold", flüsterte er aufgeregt. "Schaut euch das an, das ist durch und durch Gold." Er erspähte die Leiche einer Katze, die im Dunkeln lag. Seine knotigen Finger arbeiteten an der schweren Schnalle des Halsbands und fanden den Weg, es zu öffnen. Es tat sich auf. Mau nahm all seine verbleibende Kraft zusammen, um durchdringend zu schreien. "M ...A ...U ...", heulte er mit ohrenbetäubender Klarheit. Die Räuber kreischten vor Furcht, ließen ihre Hebel fallen und fielen in ihrer Hast, die Grabkammer zu verlassen, übereinander. Sie stöhnten vor Angst, als sie weiterrannten, und hielten sich die Ohren zu, als Maus Schreie durch die Gänge hallten.


"Mau ... der große Gott Mau", jammerten sie, als sie durch die Finsternis stolperten. Mau lief ihnen nach, strich im Dunkeln durch ihre Beine, und die Berührung durch sein Fell steigerte ihren Schrecken. "Ah ... der Gott ... der Gott. Rette uns, sei gnädig und rette uns", schrien sie.


Sie kletterten und rutschten über die Steine, durch die sie sich am Eingang gegraben hatten, die Hände vor Schweiß schlüpfrig. Mau roch die frische Luft und sprang ihnen voraus, denn er spürte endlich die nahe Freiheit. Ungesehen raste er dem Lichtschimmer entgegen, wobei ihm ein letztes Aufbäumen seines Willens die Kraft dazu gab. Er purzelte aus dem engen Loch in die Wüstennacht. Einen Augenblick lang hielt er inne, erstaunt über die glänzenden Wüstensterne im samtschwarzen Himmel und den berauschenden Sauerstoff der kühlen Nachtluft, die durch die Fellbüschel auf seinem wunden Leib strich, und die Freude, frei zu sein...


Der neue Pharao hatte seine eigene Dienerschaft mitgebracht, und alle früheren Diener waren anderswo eingesetzt worden. Thut war Backsteinmacher geworden und eben eifrig dabei, aus dem Schlamm nach der Überschwemmung Backsteine zu formen. Merya spann und braute Bier für die Arbeiter. Sie lebten zusammen in einem kleinen Haus, das mit Schilfmatten gedeckt war.


Thut legte eben Backsteine in die Sonne zum Trocknen, als Mau zu ihm kam. Der Kater war viele Tage gelaufen, und sein Fell verschwand unter dem Staub. Zuerst hatte Thut wie die Räuber Angst, aber als sich Mau Aufmerksamkeit erheischend an seine bloßen Knöchel schmiegte, begriff Thut, dass dies kein Gespenst war, sondern der lebendige Mau. Er umwand die Katze mit einem Stück Leinen und brachte sie Merya.


"Schau seine armen Wunden an", sagte sie mit Tränen in den Augen. "Und wie mager er ist. Bastet hat ihn uns gesandt, damit wir ihn pflegen." Sie gab ihm Ziegenmilch und Fisch, den Thut im Fluß gefangen hatte, und strich schmerzstillende Salbe auf die Wunden. Mau rührte sich nicht, als sie den Kräuterbalsam auflegte. Die Schilfhütte war kein Palast, aber offenbar hatte er immer noch seine Diener.


In dieser Nacht rollte er sich zu Meryas Füßen zusammen und ein tiefes, zufriedenes Schnurren drang aus seiner Kehle. Er würde jetzt schlafen, voller Vertrauen in die beiden Menschen.


"Aber wenn sie wissen, dass wir den großen Gott Mau haben, werden sie uns strafen", flüsterte Thut, der vor Sorge nicht schlafen konnte, seiner Frau zu. "Pscht!" sagte Merya und streichelte sein dickes schwarzes Haar, als wäre er ein Kind. "Wer soll das denn merken? Katzen sehen einander ziemlich ähnlich.

Und wer würde Mau hier, ausgerechnet hier vermuten?"


Am nächsten Morgen erhob sie sich vor Tag und nahm aus der Schachtel mit ihren Kostbarkeiten eine Feile. Mau hielt wiederum ganz still, als sie an seinen Krallen herumfeilte. Es kitzelte, und er zuckte hie und da vor Lust, sich nach beendigter Pediküre zwischen den Krallen zu lecken. Sorgfältig sammelte Merya jedes Flöckchen Gold von seinen Krallen und schüttete es in eine kleine Tasche. Dann drehte sie sanft den Goldreif aus seinem Ohr und legte ihn zum Goldstaub. "Jetzt erkennt dich keiner mehr", sagte sie. "Und wir werden das Gold in Zeiten der Not weise verwenden."


Mau streckte sich und gähnte, dann leckte er ihre Hand mit seiner rauhen rosa Zunge. Er schüttelte entzückt den Kopf. Den Ohrreif hatte er immer gehaßt. Draußen brannte die Sonne auf die Sümpfe, und Mau zog die duftende Luft ein. Es gab wildes Getier, das man jagen und erschrecken konnte, kleine Vögel zu belauern, Mäuse zu fangen und Fische zu angeln. Er sprang hinaus, um eine neue Dynastie zu begründen.

 

Quelle: Stella Whitelaw aus "Die Katzenfrau - 12 wundersame Geschichten"

 

 

   

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