Ein höherer Beamter der Quartierbehörden schlug vor, die Häuser an der Arbuthnot Road abzureißen und ihre meist älteren Bewohner unzusiedeln. Er fand seine Entscheidung klug. Zwei Jahre später wurde er anlässlich des Geburtstages der Königin geehrt, und seine Frau kaufte für die Feier im Buckingham-Palast einen Federhut. Die betagten Bewohner der Arbuthnot Road erschienen nicht im Buckingham-Palast. Man brachte sie in kleinen Wohnungen unter. Man glaubte, in ihrem Alter würden sie eine moderne Heizung und Toiletten in der Wohnung zu schätzen wissen. Bis zu einem gewissen Grad war das der Fall, aber viele hatten Sehnsucht nach der alten Straße und ihren winzigen Gärtchen.
Die Bulldozer kamen, und bald war die Gegend ein Schutthaufen; Fetzen verblichener Tapeten flatterten in den Staubwolken, und schwere, alte Kaminsimse lehnten wie betrunken gegen zersplitterte, rauchende Holzbalken. Als die Schläge der Abbruchkugel und das Krachen der zusammenstür-zenden Backsteinmauern aufhörten, starb die Straße. Nesseln wuchsen schweigend empor, und blasse, rosafarbene Lupinen schoben ihre Köpfe, aus verwüsteten Blumenbeeten herauswachsend, durch den Schutt wie Seelen Verstorbener. Die neuen Bewohner siedelten sich fast unbemerkt an.
Die ersten Katzen waren keine Fremden in der Straße. Es waren Haustiere, die ihre alten Bewohner hatten aussetzen müssen, weil sie sie nicht mitnehmen durften. Diese Katzen waren geschockt und scheu. Gewohnt, mit Menschen zu leben, wussten sie nicht für sich selbst zu sorgen und verstanden nicht, warum man sie zurückgelassen hatte. Sie strichen in der Nähe ihrer früheren Wohnungen herum und warteten darauf, dass ein Wunder die normale Lage wieder herstelle.
In ihrer nervösen Mitte schritt selbstbewusst ein Führer, ein großer schwarzer Kater. Er stammte schon von verwilderten Katzen ab und war nun völlig wild, von einer Raubgier und Schlauheit, die ein ganzes Leben der Selbstverteidigung geschärft hatte. Seine Mutter war von einer Familie verstoßen worden, als sie begriffen, dass das Tier trächtig war. In Panik brachten sie die Mutterkatze in einer Kartonschachtel zu einem Abfallhaufen und ließen sie dort. Sie zog ihre Kätzchen in eben derselben Schachtel auf, aber auch sie war gewohnt gewesen, mit Menschen zu leben und starb bald danach.
Das stärkste ihrer Kätzchen wuchs zu einem mageren Menschenhasser heran. Niemand konnte in seine Nähe kommen. Er hatte in Fabriken am Hafen gelebt und in einem Sumpf nahe einem verlassenen Flugplatz; er dominierte jede gruppe, zu der er stieß. Er kämpfte, er jagte, er tötete. Und er zeugte Dutzende magerer, wildäugiger Kätzchen.
Santa hingegen war ein Weihnachtskätzchen, ein unerwünschtes Geschenk, das um Neujahr herum häufig die Hand wechselte. Seine letzten Halter konnten kein Kätzchen brauchen, brachten es aber nicht über sich, nein zu sagen, und auch nicht, ihn zu ertränken. Zweimal war er auf dem Weg zu einem Wasserkessel gewesen. Santa beschloss, es nicht auf einen dritten Versuch ankommen zu lassen. Als er verschwand, kümmerte das niemand.
Ein schielender Schildpattkater kam aus ganz anderen Verhältnissen. Man hatte ihn in einem kleinen Spital aus roten Backsteinen gerne gesehen. Angestellte und Patienten fütterten ihn, und manch alter Mensch verdankte seine Gesundung teilweise dem heilenden Schnurren, das ihn während der langen Nachmittage begeitete. Dann wurde das Spital aus Spargründen geschlossen. "Was in aller Welt ist mit dem alten Loopy passiert?" fragte einer der Portiers, als er die letzten Krankenge-schichten in einer Plastikbox verstaute. Niemand wusste es. Loopy strich in diesem Moment durch die leeren Säle und fragte sich verwirrt, wohin all die Leute verschwunden seien. Als ihm endlich klar wurde, dass keine Spitalmahlzeiten mehr zu erwarten waren, setze er sich ab. Für nichts würde er keine Mäuse fangen. Er war stark, in guter Verfassung und stieß schließlich zu der Katzenkolonie, die sich in der Arbuthnot Road zu bilden begann. Dem großen Kater ging er jedoch aus dem Weg.
Weil sie ihre veränderten Verhältnisse nicht begriffen, änderte sich die Persönlichkeit der Hauskatzen drastisch.
Der schmale Graue hatte lange und bequem mit einer gütigen, liebevollen Rentnerin gelebt, die ständig mit ihm gesprochen hatte. Seine Welt wurde traurig und stumm, als die alte Frau plötzlich starb. Niemand dachte an ihre Katze in der Aufregung und dem Durcheinander, als man nach der Polizei
rief und die Türe aufbrach. Das Wohlfahrtsamt richtete ihre Beerdigung aus, nachdem es versucht hatte, gleichgültige Verwandte zu erreichen. Tibbles saß tagelang vor der aufgebrochenen Tür, doch niemand bemerkte ihn. Man hielt ihn für eine der Nachbarskatzen. Schließlich gab er das Warten auf
und wanderte davon. Er blieb am Rand der Kolonie, weil ihm nichts anderes übrig blieb. Sein Leben hätte ebensogut vorüber sein können.
Die exotischste Katze in der Kolonie war Samantha. Sie war selbstbewusst und hübsch, einst eine wertvolle Creme-Perser. Sie war ausgesetzt worden, als ihre Halter Urlaub auf Barbados gebucht hatten und dann herausfanden wie teuer der Aufenthalt in einem Katzenheim war. "Wir brauchen die Ferien mehr, als wir die Katze brauchen", hatten sie sich gestritten, laut und schuldbewusst. Sie warfen sie auf dem Weg zum Flughafen aus dem Autofenster. Benommen kauerte sie auf dem harten Rand der Autobahn, bis der schiere Hunger sie zwang, auf Nahrungssuche zu gehen. Nachdem der große Kater sie entdeckt hatte, folgte sie ihm gefügig.
Eine gütigere Familie nahm Jupiter, ihren Seal-Point-Siamesen, zwar mit in ihr neues Heim, aber sie gaben ihm keine Gelegenheit, seine neue Umgebung kennen zu lernen, ehe sie ihn freiließen. Sie mussten ja an so vieles denken. Jupiter war voll Neugier, ging auf einen Ausflug und fand den Heimweg nicht mehr; meilenweit wanderte er in wachsender Verwirrung und fand sich nicht zurecht. Schließlich erreichte er die Überbleibsel der Arbuthnot Road. Die Familie gab eine Annonce auf, aber natürlich konnte Jupiter nicht lesen.
Nicht alle Katzen waren wirklich wild. Thomas, ein magerer Tabby, hatte eine Kindheit voller Schrecken hinter sich. Seine Familie war lärmig und undiszipliniert, und so pflegten die Kinde ihn am Schwanz zu ziehen, seine Pfoten mit Schnur zusammenzubinden und Flaschenkapseln in sein Gesicht zu schießen. Eines Tages verließ der Mann seine Familie. Am nächsten Tag tat Thomas das gleiche. Es war das Tapferste, was er je getan hatte. Alle weinten, aber ob um die Katze oder um den Vater, war nicht sicher auszumachen.
Die Kolonie in der Arbuthnot Road wuchs, als sich Kater und Kätzinnen zusammenfanden und Junge hatten. Die Jungen waren äußerst scheu und ließen sich nicht anfassen. Manche der erwachsenen Katzen erinnerten sich an ihr Haustierleben und nahmen hin und wieder von einer stillen Frau mittleren Alters, die den Weg zu ihrer Arbeit im Supermarkt abkürzte, indem sie an einem Müllabladeplatz vorbeiging, Nahrung an. Sie hob alte Käsereste, Speck und altes Brot auf. Manchmal gab es auch ein Stück schimmeligen Schinkens.
"Kommt, kommt, kommt", rief sie den Katzen zu, die sie von Backsteinhaufen her beobachteten. Der Baugrund war nie richtig aufgeräumt worden. "Pussy, Pussy, Pussy!" Die verwilderten Katzen rührten sich nicht. Sie hatten die Bedeutung dieses Rufs vergessen, falls sie ihn je gekannt hatten. Sie wussten dagegen, dass sich die Menschen kaum mehr für sie verantwortlich fühlten. Betrunkene traten auf sie, fluchten und warfen mit Flaschen. Kinder jagten sie mit Bierdosen und Steinen. Ein Wurf Kätzchen war einfach verschwunden, nachdem Schüler mit Taschenmessern, Draht und Streichholzschachteln auf den Platz gestürmt waren. Die verwilderten Katzen regten sich also nicht. "Puss, Puss, Puss", rief die Frau beharrlich; sie hatte einen starken Charakter. Sie lebte unweit der Arbuthnot Road. Ihr Haus war der Zerstörung eben noch entgangen, aber dessen Außenmauer hatte mit Holzstreben gestützt werden müssen.
Tibbles tat den ersten Schritt. Er streckte seinen schlanken grauen Körper und ging schlendernd auf sie zu, als ob er an ihr vorbeigehen wollte. Sie hielt ihm eine Handvoll Käse entgegen. Vor dem Schlafengehen hatte seine Meisterin stets ein Käsebrot mit ihm geteilt. "Voll Protein", pflegte sie zu sagen. "Ich werde nie verhungern, solange ich ein Stück Käse kaufen kann ..." Sie ahnte nicht, dass Käse sie nicht davor bewahren würde, aus dem Bett zu fallen und mit gebrochener Hüfte auf dem Boden zu liegen, bis Dehydration und ein Herzanfall ihr ein Ende machten.
Tibbles schlang ein paar Käsebrocken hinunter und brachte sich schnell in Sicherheit. Er traute ihr nicht. Samantha schoss herbei; sie wollte auch einen Anteil. "Wie schade", sagte Martha, als sie ein wenig Käse für die schmutzige weiße Katze zerkrümelte. "Ein Bad würde dir gut tun. Schön bist du jetzt nicht gerade, gelt?"
Die übrigen Katzen verharrten wie Statuen. Santa studierte die Frau aus verengten grünen Augen. Er wusste, sie hatte Nahrung, und er hatte Hunger. Aber ihre Einkauftstasche sah ein bisschen wie ein Kübel aus. Er riskierte es nicht.
Martha erhob sich und streute den Käse auf den Boden. Die Katzen würden wohl nichts gegen ein bisschen Schmutz haben. Sobald sie außer Sicht war, stürzten sich die Katzen auf den Käse, beißend und kratzend, um etwas zu ergattern. Der wilde Kater eroberte das größte Stück und knurrte jedermann, der es haben wollte, an. Er schlich zurück zu seiner Behausung in einem zerquetschten Wassertank und kaute sorgfältig. Niemand wusste, dass seine Zähne faul waren und es nicht mehr viel gab, das er essen konnte. Seine Größe und Kraft machten ihn noch immer zum Führer, aber wenn er nicht essen konnte, würde er schwach werden. Mehrere junge Kater, mager und wildäugig, warteten nur darauf seinen Platz einzunehmen.
Es fing an zu regnen. Die Katzen schüttelten sich und rannten in Deckung. Thomas blieb im Regen draußen und schnüffelte auf der Erde nach durchnässten Käsekrumen, die andere liegengelassen hatten. Er kam nur so zu Nahrung, denn er war ungemein schüchtern. Der Regen pflasterte sein Fell an seine mageren Rippen; er war am Verhungern und man sah es ihm an.
"Hat es in diesem Sommer je zu regnen aufgehört?" fragte Inspektor Alan Murphy. Er wandte sich vom Fenster ab und nahm von Celia Hamilton eine Tasse Tee in Empfang. Celia, eine junge Tierärztin, war seit kurzem bei der Tierhilfe-Gruppe. Sie war eine sehr sachlich wirkende junge Frau mit riesigen Brillengläsern und einem strengen Haarschnitt.
"Ich glaube nicht", sagte sie kurz.
"Setzt euch alle hin", sagte Mrs. McKay, die der Arbeistgruppe vorstand. "Wir haben eine Menge Arbeit. Und in diesem Monat müssen wir entscheiden, was wir mit der Katzenkolonie in der Arbuthnot Road anfangen."
"Sind Klagen gekommen?"
"Dutzende. Wegen lästiger Gerüche und toter Katzen, und jetzt fangen sie an, in umliegenden Häusern nach Nahrung zu suchen. Sie werfen Milchflaschen um, stehlen von Küchentischen, graben in den Gärten. Die Kolonie ist sehr groß geworden und niemand wagt mehr, ein Baby im Kinderwagen draußen allein zu lassen."
"Katzen greifen doch sicher keine Babys an?" fragte Celia.
"Die Katzen suchen die Milch, die um den Mund von Babys verschmiert ist", sagte Alan Murphy. "Es könnte Kratzer geben."
"Klingt wie ein Horrorfilm." Sie schauderte.
"Wir müssen alle Methoden in Betracht ziehen, die wir anwenden können", sagte Mrs. McKay. Sie war eine runde kleine Frau, sah fast aus wie eine Katze, und arbeitete seit fast dreißig Jahren für den Tierschutz. Es hatte mit einer kleinen Rettungsstation für verwilderte Tiere begonnen, die sie ganz allein geführt hatte. Jetzt schätzte man ihre Mitarbeit in verschiedenen Komitees, und manchmal schien es ihr, Papierarbeit nehme mehr Raum ein als praktische. Sie hatte so wenig Zeit, sich um ihre eigenen Katzen zu kümmern.
Die Lage war für den Tierschutzverein nicht neu. Etwa zwöftausend Katzen leben wild in Großbritannien, in 704 Kolonien. Die Leute wollten Mrs. McKay nicht glauben, wenn sie die Statistiken präsentierte. Und selbstverständlich gab es eine Menge weiterer, nicht registrierter Kolonien. Eine Viertelmillion verwildeter Katzen - das war nicht ausgeschlossen.
Heizungsanlagen von Spitälern waren beliebte Plätze für Katzenkolonien, ferner Fabriken und Hafenanlagen. Katzen fanden sich in Militärlagern, Schulen, Wohnwagencamps, Abfallhaufen, Tranformatorenstationen, Farmen und Gefängnissen. Sie waren nicht immer lästig. Wie im alten Ägypten wurden sie geschätzt, weil sie Mäuse und Ratten vertilgten. In dieser Hinsicht waren sie anders als viel andere wilde Tiere, und aus diesem Grund hatte der Tierschutzverein verschiedenen Methoden entwickelt, um eine Kolonie in Schranken zu halten.
"Es stehen uns verschiedene Wege offen", begann sie und ärgerte sich, weil sie wie eine Gewerkschafterin klang. Hier ging es um wirkliche Geschöpfe, über deren Schicksal sie entscheiden mussten, wilde, tapfere Wesen, die in einer fremden Umgebung so gut als möglich zu überleben suchten. "Erstens, wir lassen die Kolonie in Ruhe und überlassen den weiteren Verlauf der Natur. Das bedeutet das Überleben der Stärksten."
"Noch mehr tote und schmutzige Katzen."
"Zweitens, die komplette Vernichtung der Kolonie durch Fallenstellen und Töten." In ihren Ohren klang sie jetzt wie die Kommandantin eines Konzentrationslagers.
"Ein bisschen drastisch."
"Manchmal, wenn eine Kolonie ihre Lebensmittelquelle verloren hat - zum Beispiel, wenn ein altes Spital geschlossen wird -, ist das noch das Humanste. Aber im Fall der Arbuthnot Road würde sich wieder eine neue Kolonie bilden, und wir müssten von vorne anfangen."
"Nein, danke!" sagte Celia; sie wusste, wer die Schlächterei würde durchführen müssen.
"Wir können die Kolonie verkleinern, indem wir nur einzelne Tiere herausnehmen und alle dafür geeigneten Katzen fangen und bei Leuten unterbringen. Das ist die billigste Methode, aber sie bietet keine dauerhafte Lösung.
Viertens könnten wir die ganze Kolonie einfangen, kastrieren und wieder freisetzen. Damit stabilisiert man dieKolonie und verbessert die Gesundheit der Tiere. Und schließlich könnte man auch die chemische Geburtenkontrolle ausprobieren. Bei den letzten Wegen stellt sich die Kostenfrage. Vielleicht machen die Behörden etwas Geld locker."
Die Arbeitsgruppe besprach weit in den Nachmittag hinein die Zukunft der Katzen, die in der Arbuthnot Road wohnten. Inspektor Murphy beobachtete die Neue mit geheimen Interesse. Die nüchterne, sachliche Haltung verbarg eine recht unsichere junge Frau, schien ihm.
Celia äußerte sich während des Gesprächs stets nur sehr kurz. Sie war vor Angst wie versteinert. Plötzlich hatte sie alles vergessen, was sie gelernt hatte; wenn sie nun die Kastrationen, das Einfangen, das Spritzen und Einschläfern nicht beherrschte?
Alan Murphy lehnte sich über den Tisch. "Sie werden nicht alles allein machen müssen", versicherte er. "Sie werden Hilfe haben."
"Danke", sagte sie. Sie war nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte. Sie war Männer nicht gewohnt, deshalb arbeitete sie mit Tieren. Sie wandte sich ab, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Als der Regen nachließ, kamen die Katzen heraus, um sich zu trocknen. Sie sahen mit ihren zerrissenen Ohren und entzündeten Augen elend aus. Manche versuchten tapfer, sich sauberzulecken. Die wirklich wilden hatten diesen angeborenen Katzeninstinkt zwar auch, aber er war weniger zwanghaft. Man hatte zuviel zu tun mit Kämpfen und Nahrungsuchen. Pflege stand weit unten auf der Prioritätenliste.
Zwei Menschen kamen zum Platz und gingen in Stiefeln herum, sie kletterten über den Schutt und hatten Notizbücher in den Händen. Die Katzen beobachteten sie von ferne. Sie wussten nichts von der Entscheidung der Arbeitsgruppe.
"Verwilderte Katzen zu zählen, ist unmöglich", sagte Alan und half Celia über einen gefährlichen Bretterstapel. "Man ist nie sicher, wenn sie nicht ganz deutlich gezeichnet sind. Die gleiche Katze wird zwei- oder mehrmal gezählt."
"Den großen schwarzen Kater, dieses wild dreinschauende Biest, kann man aber nicht verwechseln und auch nicht diese schmutzige weiße Perserkatze. Ich wette, das ist ein ausgesetztes Haustier. Die sieht nicht mehr aus wie ein Bild auf einer Schokoladeschachtel - eher wie eine zerquetschte Schachtel Bärendreck", sagte Celia. Sie fühlte sich jetzt, aus der Sitzung entlassen und auf dem Schauplatz des Geschehens, weniger als Neue.
"Dieser traurig dreinblickende Graue könnte zutraulich werden. Sehen Sie, wie er jede unserer Bewegungen beobachtet und dabei vorgibt, ganz uninteressiert zu sein. Rascheln Sie mit Ihrer Papiertüte, dann sehen wir ..."
"Ja, er hat mit den Ohren gezuckt", sagte Celia erheitert. "Er ist neugierig, ob ich etwas Gutes mitgebracht habe. Aua, schauen Sie sich dieses schimmelige Brot an! Kein Wunder, dass sie an Krankheiten und Entzündungen leiden."
Sie stellten mehrere Näpfe mit Futter hin und zogen sich ein Stück zurück, um die Kolonie zu beobachten. Wie vorausgesehen, wagten sich die Zahmsten zuerst heran, aber die Wilden folgten ihnen auf dem Fuß. Fauchend wurde um jedes Bisschen gekämpft; die scharfen Zähne waren gebleckt, um das Essen aus den Mäulern anderer zu stehlen.
"Achten Sie mal auf den schüchternen Tabby, ganz am Rand. Er ist am Verhungern. Man sieht, dass er nie etwas bekommt."
"Vermutlich werden Sie versuchen, ihn getrennt zu füttern", sagte Alan, ihre Gedanken lesend. "Sie sind zu weichherzig."
"Vielleicht. Ich werde es probieren."
Sie folgte Thomas über den Platz, Zentimeter um Zentimeter und rief ihn ermutigend, um ihn von der Hauptgruppe der Katzen zu trennen. Er sah mitleiderregend aus, seine Rippen stachen durch das kurze, schmutzige Fell. Der erste Einschhläferungskandidat, dachte Celia, und versuchte unbeteiligt zu bleiben. Sie trieb ihn weiter weg, so dass die anderen Katzen das Futter, das sie ihm geben wollte nicht riechen konnten. Sie kratzte den Rest des Fisches heraus und stellte den Napf in ein Büschel hohes Gras, so dass die schücherne Katze etwas Deckung hatte. Dann stellte sie sich zwischen die Kolonie und die Nahrung. Thomas beobachtete das Manöver aus der Scherheit eines weggeworfenen Kinderwagens. Er war neugierig, aber zu furchtsam, um eine Bewegung zu wagen. Er wusste, da war Essen. Der Duft raubte ihm den Verstand. Er vergaß die Frau, die ein paar Meer entfernt kauerte. Er schoss auf zittrigen Beinen vorwärts, fast sicher, dass ihn der schwarze Kater oder eine andere wilde Katze überfallen würde. Aber es kam niemand. Er erreichte den Fisch und konnte es nicht fassen. Es war richtiger Fisch, wie er ihn seit Monaten nicht geschmeckt hatte. Er schlang das Futter hinunter, ohne auch nur einmal innezuhalten.
"Langsam", murmelte Celia. "Du erstickst ja."
In Sekunden war der Fisch weg. Thomas sah wie hypnotisiert aus. Er leckte jede feuchte Krume vom Teller und stieß ihn auf dem Boden vor sich her, entschlossen, nicht einmal den Duft entweichen zu lassen. Und in diesem Augenblick rettete er sich vor der Todesspritze; er begann, ohne es zu wissen, zu schnurren, als er den Teller durch das Gras verfolgte.
Celia notierte sorgfältig die Zeichnung des Tabby. Diesem würde sie ein Heim finden.
Ende der Woche hatten Alan und Celia den größten Teil der Katzen identifiziert und ihren Zustand notiert. Sie hatten auch Martha Strong mit ihrer Supermarkttasche kennen gelernt.
"Oh nein, ich könnte unmöglich eine Katze halten", sagte sie ängstlich und abwehrend. "Ich bin den ganzen Tag unterwegs, und Katzenfutter ist schrecklich teuer."
"Aber gegenwärtig füttern Sie sogar mehrerer Katzen mit den Abfällen, die Sie sammeln", sagte Celia beschwörend.
"Mit einer eigenen Katze wäre das anders. Ich müsste das Futter kaufen. Und dann die Milch. Ich kann mir keinen Liter frische Milch mehr leisten. Und von diesen Katzen möchte ich ohnehin keine. Sie sind voller Flöhe."
"Wir würden dafür sorgen, dass die Katze in bestem Zustand wäre, wenn Sie zu ihnen käme. Keine Flöhe und kastriert."
Ein Lieferwagen fuhr heran. Die Männer begannen, Fallen aus Holz und Draht abzuladen. Es war wichtig, zuerst die Weibchen zu fangen. Dank Martha nussten sie, welche Katzen trächtig waren oder Junge hatten. Ein paar Tage lang ließen sie eine Scheinfalle auf dem Gelände stehen, mit Futter drin; die Katzen sollten sich daran gewöhnen. Die Falle war mit einem Sicherheitsschloss an einer alten Eisenkonstruktion befestigt. Fallen wurden oft gestohlen, weil sie gute Kaninchenställe abgaben. Alan beschloss, eine Handfalle statt einer automatischen zu benützen, obschon das für die Fänger eine lange Wartezeit mit sich brachte. Doch so konnten sie geziehlt vorgehen. Es war unmöglich, einen kühnen Kater zu fangen, wenn das trächtige Weibchen, dass er bei sich haben wollte, ein paar Zentimeter entfernt saß. War die Falle zugeschnappt, wäre die Kätzin zu nervös, um wochenlang wieder in die Nähe zu kommen, wenn überhaupt.
Die Fallen bestanden hauptsächlich aus Holz, wie es die Katzen mochten, und gewährten rundherum freie Sicht. Innen waren Drahtelemente, mit denn die Katze eingeengt werden konnte, damit Celia bei ihrer Arbeit nicht gebissen oder gekratzt wurde. Alan saß im Lieferwagen und las halbherzig in der Zeitung. Das Seil von der Falle kam zum Fenster herein und war an der Türfalle festgemacht. Er hatte Sandwiches und eine Thermosflasche voll Kaffee. Er war auf das lange Warten vorbereitet. Er beobachtete die rundliche weiße Perserin. Sie war eindeutig trächtig und kratzte sich bis zur Verzweiflung. Alan wünschte eine besonders wirksame Sprühdose herbei, um eines ihrer Probleme zu lösen.
Er wickelte seine dicken Sandwiches aus: Schinken, Eier, Käse, Salat und Tomaten. Als Junggeselle glaubte er an gutes Essen. Die junge Celia sollte besser gefüttert werden. "Ihr mache ich einmal ein Spezialsandwich", kicherte er.
Sie sollten bald automatische Fallen erhalten, deren Tür mit Federn gesichert war. Die konnte man aufstellen, mit Ködern versehen und weggehen. Alan mochte sie nicht besonders. Es war schwierig eine Katze herauszuholen, ohne dass sie entwischte, und unmöglich, den Bewegungsraum der Katze für die Injektion einzuengen. Die Falle konnte kaputtgemacht werden, mit oder ohne Katze. Aber sie waren billig, und das war heutzutage wichtig.
Samantha wurde als erste eingefangen; sie hatte dem gehackten Hühnerfleisch nicht widerstehen können. Alan zog das schlaffe Seil an und ging auf die Falle zu, das Seil absolut gestreckt. Samantha geriet in Wut, als sie sich gefangen sah, und warf sich gegen die Stahlgitter. Alan verriegelte die Türe, dann schob er ein schaufelförmiges Brett durch den Schlitz in der Mitte und schob sie sanft zur Seite. Sie versuchte auszuweichen, indem sie sich über das Schaufelblatt zu quetschen versuchte.
"Das hat keinen Sinn'", sagte Alan besänftigend und warf ein paar knusprige Katzenbiskuits hinein. "Beruhige dich doch." Samatha kauerte hinten im Käfig, sie spuckte und fauchte. Katzenbiskuits waren einmal ihr Lieblingsfutter gewesen, aber sie hatte so lange keine mehr gesehen, dass sie sie fast vergessen hatte. Die Biskuits glitten unter ihre Pfoten, als Alan die Falle in den Lieferwagen lud. Sie stürzte sich darauf und kaute sie.
In der Klinik gab Celia ihr eine schmerstillende Spritze, dann wurde die Katze kastriert. Hierauf wurde ein Langzeit-Antibiotikum gespritzt und sie wurde nach Flöhen und Milben abgesucht. Aber da Samantha hochträchtig war, beschloss Celia zu warten, bis die Kätzchen geboren waren. Unterdessen wurde ihr Fell behandelt. Celia griff zur Sprühdose. "Auf dieser Katze wimmelt es", sagte sie schaudernd, als ihr die Flöhe auf den Ärmel hopsten. "Und ihre Ohren sind entzündet, weil sie wie verrückt darin gekratzt hat. Manche Leute würden sagen, eine Einschläferungsspritze wäre vernünftiger."
"Aber nicht Sie", sagte Alan von draußen, wo er die Falle vor dem Wiedergebrauch desinfizierte. "In ein paar Tagen wird sie eine kleine Schönheit sein. Wir sollten ein Zuhause für sie finden." "Versuche Sie es", sagte Celia. "Wir müssen sie wegen der Jungen ohnehin ein paar Wochen behalten."
Tibbles, der melancholische Graue, wurde als nächster gefangen. Er war ohne Zögern hineinmarschiert. Er hatte es immer geliebt, in Schachteln, Körben oder Einkaufstaschen zu sitzen. Nach der Kastration und einem gründlichen Bad mit Bürsten wurde er wieder in sein Gelände entlassen, leicht belämmert und schläfrig.
An jenem Abend kam Martha mit ihrer üblichen Tasche voll Futter. Sie stellte den Einkaufskorb auf den Boden, und ohne nachzudenken, stieg Tibbles ein, legte sich auf das Buch aus der Bibliothek und die Zeitung und schlief ein. Es war wie ein Omen. Martha eilte heim, sich schuldbewusst umschauend. Ihr war fast, als stehle sie. In ihrer kleinen Küche angelangt, stellte sie den Einkaufskorb ab und goss Milch in eine Untertasse. Tibbles öffnete ein Auge. "Es ist nur Trockenmilch", sagte sie entschuldigend. "Aber viele Leute merken keinen Unterschied. Ich könnte natürlich eine Packung Frischmilch vom Supermarkt heimbringen, jetzt wo wir zu zweit sind. Sie würde schließlich nicht verderben. Das heißt, wenn du hierblieben willst." Drei Tage später sprang ihr Tibbles auf den Schoß. Als Martha langsam seinen knochigen Kopf streichelte, war sie beinahe glücklich. Tibbles überlegte, ob sie wohl ein Käsebrot machen würde. Er nahm in Kauf, dass sie sich dabei ein Hüfte brechen könnte.
Das Einfangen ging langsam und vorsichtig weiter. Man konnte hier nichts beschleunigen. Der große Kater entging freilich allen Nachstellungen. Er schoss pfeilschnell in die Falle, schnappte den Köder und war wieder draußen, ehe die Tür geschlossen werden konnte. Alan fluchte milde vor sich hin, als der Kater über den Schutt setzte und verschwand.
Eine der Katzen nach der anderen wurde gefangen, kastriert, entfloht und an den Ohren mit Identifikationskerben versehen. Ein paar alte und kranke Katzen wurden eingeschläfert. Celia hasste das. Sie lehnte sich gegen den Tisch, weil ihr übel war. Die tote Katze sah mitleiderregend aus, räudig und krank. Alan sah, wie blass Celia war, und schob den Kadaver still in einen Plastiksack, der verbrannt werden würde.
"Haben Sie schon ein Heim für die Weiße gefunden?" fragte er, um das Thema zu wechseln. Er wusste ganz gut, dass die Katze immer noch in der Klinik untergebracht war. "Warum fragen Sie mich?" fragte Celia, schärfer als sie wollte. "Ich bin keine Wohlfahrtsbeamtin. Warum nehmen Sie sie nicht selbst, wenn sie Ihnen so gut gefälllt?" "Wenn ich jeder Katze, die mir gefällt, ein Heim böte, wäre ich mit Tieren überhäuft", sagte er fröhlich. Er war viel älter als Celia, gewöhnlich und uninteressant; er konnte deshalb nichts anderes tun, als seine wachsende Zuneigung zu ihr auf Distanz zu halten. Es machte ihm Freude, ihr da und dort zu helfen; er wusste, wieviele Stunden sie arbeitete und wie ernst sie ihre Aufgabe nahm. Die großen Brillengläser und der strenge Haarschnitt ließen sie wenig attraktiv erscheinen, aber für Alan war sie nur eine angsterfüllte Frau, die erwachsen zu sein versuchte.
"Ich habe den schüchternen Tabby noch nicht gesehen", sagte Celia und tauchte ihre Arme tief in heißes Seifenwasser. Sie merkte, dass sie zu Alan kurzangebunden gewesen war, und er war doch immer so gut zu ihr. "Wissen Sie, welchen ich meine? Den, der nie etwas zu essen bekommt." "Ich habe ihn in den letzten Tagen nicht gesehen.Wir brauchen jetzt nur noch den großen Kater zu fangen, dann hören wir auf in der Arbuthnot Road. Die neuen automatischen Fallen sind eingetroffen. Wir könnten ein paar davon aufstellen und die nächste Kolonie in Angriff nehmen."
"Ich bringe die Fallen hin, wenn Sie zu beschäftigt sind. Ich brauche ein wenig frische Luft."
Celia wollte selbst herausfinden, was mit dem schüchternen Tabby passiert war. Der Gedanke, die Katze könnte sich verletzt oder krank irgendwo verbergen, war ihr nicht angenehm. Sie nahm für alle Fälle etwas Chloroform mit. Sie würde es sofort verwenden, falls dem Tier nicht mehr zu helfen wäre. Als sie ihr Auto am unteren Ende der Arbuthnot Road abstellte, sah sie die Bewegung flüchtender Katzen. So rasch sie auch verschwunden waren, sah man doch, dass sie im großen und ganzen bei bester Gesundheit waren. Die Beschränkung ihrer Anzahl hatte stets diese Wirkung.
Celia installierte eine neue automatische, extrastarke Gitterfalle und legte ein paar stark riechende Sardinen als Köder aus. Die Türe würde sich schließen, sobald eine Katze auf die Kontaktplatte im Käfiginnern trat.
Sie kletterte über die Schutthaufen und war froh, eine Stunde von der Klinik weg zu sein, von der Verantwortung ihrer Arbeit entbunden. Mrs. MacKay und das Komitee überwachten sie beständig, ob sie auch tüchtig genug war. Sogar Alan hatte stets ein Auge auf sie. Es war, als ob sie in einem Glaskäfig arbeitete. Sie wühlte mit einem Stock in unbeschreiblichem Abfall, denn sie wusste, der Tabby konnte sich an einem sehr kleinen Ort verstecken, zu angstgeplagt, um herauszukommen und nach Futter zu suchen. Sie hatte ein paar Sardinen für ihn aufgespart, obschon sie eigentlich glaubte, er sei tot.
Thomas schaute ihr aus der Tiefe einer rostigen Regenrinne zu. All das Gewühl auf dem Gelände hatte ihn erschreckt. Seine Augen glänzten feucht in der Dunkelheit. Er war so mager, dass es ihm nicht schwerfiel, bis zum Ende der Rinne zu kriechen und sich dann umzudrehen. Er zitterte vor Nervosität, obwohl er wusste, dass ihn niemand sehen konnte.
Celia ging weiter, eine hohe graue Gestalt an einem grauen Nachmittag, und war bald außer Sicht. Thomas steckte seine Nase in die ihm verbliebenen Fellreste und versuchte zu schlafen, aber seine Magenmuskeln nagten und verkrampften sich. Schlaf war unmöglich. Für Thomas gab es in diesem Leben keine Hoffnung mehr. Er dachte an nichts.
Nach einer halben Stunde Suchen gab Celia es auf. Er musste tot sein. Sie schlenderte zu ihrem Wagen zurück, die Hände tief in den Taschen, mit dem Chloroform-Fläschchen spielend. Plötzlich zerriss ein durchdringender Schrei die Luft. Es war der schrecklichste Laut, den Celia je gehört hatte. Sie rannte in Richtung dieser unirdischen Schreie. Kein Mensch konnte solche Töne von sich geben...
Der große Kater hatte wieder seinen Trick anzuwenden versucht. Aber der neue Käfig war viel schmaler als die alten Holzfallen. Er konnte nicht hinein- und wieder hinausschießen, ohne sich umzudrehen, und beim Umdrehen hatte er die Kontaktplatte berührt und den Schließmechanismus ausgelöst. Er war schnell, aber der Mechanismus war es auch. Er war außerhalb des Käfigs, eine sich windende, knurrende Masse tierischen Zorns. Ein Hinterbein und der Schwanz steckten in der Falle. Er kämpfte, um seinen Fuß freizubekommen, doch die Tür schloss sich nur noch fester. Der Knochen war durch zerrissenes Fleisch und Blut sichtbar.
Celia war entsetzt. Da der Kater außerhalb des Käfigs war, konnte sie die Einklemmvorrichtung nicht betätigen. Dieser Kater war ohnehin der wildeste der Gruppe, und jetzt war er vor Schmerzen von Sinnen. Sich ihm zu nähern, schien ausgeschlossen, aber sie konnte ihn nicht seinen Qualen überlassen, um Hilfe zu holen. Sie musste etwas tun. Sie hatte ja Chloroform. Sie zog den Regenmantel aus, um ihn um das fauchende, krallende Bündel zu wickeln. Dann wollte sie etwas Chloroform auf einen Bausch tröpfeln und die Katze für ein paar Momente betäuben, sie in den Käfig schieben und die Tür verriegeln. Vielleicht ging das. Aber sie hatte es mit einem nahezu zehn Kilo schweren, wilden Tier zu tun, das außer sich war. Der große Kater hatte Jahre des Kampfes hinter sich. Die schlanke junge Tierärztin, frisch von der Universität, war für ihn kein Gegner. Er versenkte Zähne und Krallen in den Regenmantel und riss ihn ihr aus der Hand. Ein langer Kratzer zog sich über ihren Arm, dem rote Bluttropfen entquollen. Als sie ihren Regenmantel aufnehmen wollte sprang er sie an. Sie fiel ungeschickt, wobei das Chloroformfläschchen aus ihrer Hand glitt und an einem Ziegelstein zerbrach. Der Kater hing an ihren Beinen; seine Krallen zerrissen ihre Strümpfe und senkten sich in ihr weiches Fleisch. Sie wehrte mit bloßen Händen die gebleckten Zähne ab und versuchte keuchend ihr Gesicht zu schützen. Als die Chloroformdämpfe sie erreichten und husten ließen, rollte sie sich weg. Sie probierte wegzukriechen, aber der Kater ließ nicht locker. Sie schleppte Katze und Falle mit sich... Das letzte woran sie sich erinnerte, bevor sie in Ohnmacht fiel, war, dass der Kater schlechte Zähne hatte und ihre Wunden infizieren würde...
Alan fand sie. Er wäre an ihrem geparkten Wagen vorbeigefahren, wenn er nicht bemerkt hätte, wie Thomas bei einem Lumpenbündel saß. Ihm kam in den Sinn, dass Celia nach der schüchternen Katze gefragt hatte. Sie lag ohne Bewusstsein. Ihr Gesicht, ihre Hände und Beine waren von tiefen Kratzern übersät. Thomas saß auf ihrem Regenmantel und leckte den Rest von Sardinen aus einer zerrissenen Tasche. Er hatte sich nicht gefürchtet, als er sah, dass sie sich weder bewegte, noch einen Ton von sich gab. Aber als Alan herankam, floh er wie ein kleiner Geist in die Grasbüschel.
Alan hob Celia sanft hoch, und sie stöhnte in seine Schulter hinein. "Lieber Gott, sagte er. "Wie scheußlich!"
Die Gläser ihrer Brille waren zerbrochen und er nahm sie von ihrem Gesicht. Ihr Haar war stumpf vor Schmutz und Blut. ihre Bluse war zerrissen und er sah, dass sie um den Hals eine dünne Goldkette mit einem kleinen herzförmigen Anhänger trug. Es sah aus, als hätte er einer Mutter oder Großmutter gehört. Sein Herz war von Liebe und Mitleid erfüllt, er beugte sich nieder und küsste das kalte Metall in der warmen Höhlung ihrer Kehle. Ihm schien, er habe das Recht auf einen Kuss in seinem Leben und auf die Erinnerug daran wie ihre Haut sich anfühlte und roch. Selbst jetzt glaubte er nicht, dass ihre Lippen für einen Mann wie ihn bestimmt seien. Sie versuchte etwas zu sagen; ihr Mund bewegte sich schwach. Er neigte den Kopf und verstand das Wort "Tollwut". "Hab keine Angst Liebes", sagte er. "Ich bringe dich ins Spital." Sie schien zu lächeln und verlor wieder das Bewusstsein. Er trug sie zu seinem Wagen.
Alan ging am Abend auf das Gelände zurück. Er fand den Ort, zu dem der schwarze Kater sich und die Falle geschleppt hatte. Die Pfote war beinahe abgetrennt und das Tier war von seinem Kampf gegen den unerbittlichen Stahl erschöpft. Seine Augen funkelten aber noch immer, als Alan die Todesspritze bereitmachte
Als die Kolonie in der Arbuthnot Road als stabilisiert betrachtet werden konnte, ließ Martha sich dazu überreden, für ihr Wohlergehen zu sorgen. Nach einigem Zögern gründete sie ein Katzen-Komitee, das sich regelmäßig in ihrem Wohnzimmer traf und über den Futterturnus und die Finanzbeschaffung diskutierte. Ihr gefielen diese Zusammenkünfte; sie fand Freundinnen und Tibbles saß auf ihrem Schoß und schnurrte wie ein Motorrad. "Das war eine davon", sagte sie stolz. "Man sieht es ihm überhaupt nicht mehr an, nicht wahr?"
Ein Heim für Samantha,die weiße Perserin, zu finden, erwies sich als schwierig. Sie wollte sich um keinen Preis von ihren Kätzchen trennen, und so wuchs eine große, spielfreudige, schwer im Griff zu behaltende Katzenfamilie heran. Eines Tages kam ein schwarzer Briefbote mit seiner Frau in die Klinik. Sie wollten für jedes ihrer Kinder ein Kätzchen und verliebten sich in die reinweiße Katze und ihre Brut. Die schwarze Familie stammte aus Barbados. Sie fanden die Katze unerhört und nannten sie Sugar Ray.
Thomas brauchte nicht eingefangen zu werden. Als Celia aus dem Spital kam, ging sie aufs Gelände und fand ihn so schwach, dass sie ihn bloß aufzuheben brauchte. Mehrere Tage lang fütterte sie ihn mit Babyflocken von ihrer Fingerspitze und Milch aus einer Pipette. Sie wusste, sie würde ihn behalten; ihrer Ansicht nach hatte er ihr das Leben gerettet. Als er zum erstenmal zu ihr kam, schüchtern aber freiwillig, empfand sie große Freude."Ich glaube, er hat tagelang versucht, sich zu entschließen", sagte Celia zu Alan, "'aber er hatte einfach nicht den Mut. Ich kann nicht beschreiben, wie rührend das war, Alan. Es war ein ungeheurer Schritt für ihn. Zum erstenmal glaubte er genügend an sich, um jemand anders zu trauen." "Ich kann es ihm nachfühlen", sagte Alan, ließ sich aber nicht weiter darüber aus. Vielleicht würde für ihn, wie für Thomas, ein Tag kommen, an dem er denselben Schritt würde tun können, an dem er genügend an sich glaubte, um zu Celia zu gehen und ihr zu sagen, was er in seinem Herzen fühlte. Inzwischen gab es Arbeit, gab es ihre gemeinsame Verantwortung für Katzen, Kameradschaft und Freundschaft. Und als er Celia zuschaute, wie sie mit ihrem schüchternen kleinen Tabby sprach und ihn streichelte, war er es zufrieden, zu warten.
Quelle: Stella Whitelaw aus "Die Katzenfrau - 12 wundersame Geschichten"
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