Die Uhr schlägt zwölf Mal. Auf der Fensterbank raschelt und kruschelt es.
„Weiß jemand von Euch, welcher Tag da gerade anfängt?“
„Nein“, sagt eine etwas piepsige Stimme.
„Das kann ich mir vorstellen“, sagt der erste wieder: „Der hergelaufene Kerl kennt doch keinen Kalender.“
„Sei still“, kommt eine Antwort in einem etwas hölzernen Ton. „Nur weil du hier geboren bist, bist Du auch nicht schlauer. Oder weißt du, welcher Tag nun ist?“
Jetzt herrscht erst mal Stille.
„Na gut, ich weiß auch nicht, welcher Tag jetzt gerade anfängt. Aber was anderes: Wir kennen uns doch eigentlich schon ganz lange. Stehen oder sitzen hier den ganzen Tag auf der Fensterbank und starren vor uns hin. Können nicht mal durchs Fenster rausgucken, sondern haben immer nur den Schreibtisch vor Augen. Wir könnten uns doch jetzt mal erzählen, wo wir herkommen.“
„Ach ja, “ piepste es wieder.
„Na gut“, sagt die hölzerne Stimme.
Da hatte der Dicke, der „von hier“, mal eine gute Idee gehabt. Die Dreiergruppe war sich einig.
„Na, “ sagt der Dicke, der übrigens blau glasiert war, „fang Du doch an, du siehst aus, als kämst du von ziemlich weit her.“
"Ja, “ piepste es, „das kann man wohl sagen. Sie hat mich auf einer Ausstellung afrikanischer Künstler gekauft.“
„Sicher nicht, weil du so schön bist“, meinte der blau Glasierte.
„Vielleicht nicht. Aber ich fühle mich so gut an. Schöner glatter Stein. Ganz grau in grau.“ Das sagte er mit einem Seitenhieb auf den schwarz-weiß gemusterten Kerl neben sich. Der stand nämlich mehr auf der Seite des blau Glasierten und beachtete ihn nicht.
„Ja, und wo kommst du nun also her?“
„A-f-r-i-k-a !“
„Ho ho ho,“ lachte es hölzern und
„Ha, ha ha“, machte der Glasierte.
Aber sie glaubten es ihm doch, denn er sah so ganz anders aus als sie beide und sie gehörten doch alle der gleichen Art an. Sein Mund war so üppig. Und seine Ohren, ja spitz waren sie, aber sooo lang.
„Und deshalb siehst du so anders aus?“ fragte die hölzerne Stimme und starrte ihn mit seinen kugelrunden Augen an.
„Nein, nicht weil ich aus Afrika komme, sondern weil der Künstler, der mich gemacht hat, mich „Catbird“ nennen wollte und da musste er ein bisschen an meiner äußeren Form arbeiten".
„Aha“, mehr brachte der Glasierte nicht über die Lippen.
Nach einer kleinen Pause, in der alle drei wieder stumm vor sich hin starrten, holte der Glasierte tief Luft und meinte:
„Also, ich bin von hier. Das wisst ihr ja. Dahinten die drei Kleinen auch, aber die können nicht mitreden, die sind nicht glasiert.“
„Ja, und was heißt das nun wirklich „von hier“?
„Ich bin hier, hier in diesem Dorf gemacht worden. Aus Ton.“
Das sagte er ganz kurz und ein bisschen bescheiden. Ton war ja nichts gegen Stein. Aber dafür glänzte er und der andere sah matt aus. Das baute ihn gleich wieder auf.
„Und du, mein Lieber“, sagte er zu dem Hölzernen, „wo kommst du her?“
„Aus Polen“ sagte er stolz.
„Aus einem kleinen Dorf in Polen, in dem viel geschnitzt wurde. Hauptsächlich Männer und Frauen und Heilige. Hin und wieder mal eine Katze, so wie ich, oder Vögel.“
„Und hast du auch einen Namen?“ piepste Catbird.
„Nein, ich glaube nicht. Vielleicht hatte ich mal einen in meinem Dorf, aber dann habe ich ihn vergessen“.
„Tja, und du?“ fragte er den blau Glasierten. Er wusste aber schon vorher, dass der auch keinen Namen hatte.
„Wozu brauche ich einen Namen“ gab der ziemlich heftig zur Antwort.
„Wer soll mich denn anreden?“
„Na, wir beide, jedenfalls in Nächten wie dieser.“
Es zeigte sich immer mehr, dass Catbird dabei war, die Oberhand zu gewinnen. Und der blau Glasierte, der sich bisher als Hauptfigur in der Dreierrunde gesehen hatte, wurde immer giftiger. Er überlegt schon, ob er sich auf Catbird stürzen sollte, um ihm eine zu verpassen, aber seine Vorderpfoten, schöne Vorderpfoten, gewiss, waren nicht recht dazu geeignet.
Und letzten Endes, wer würde den Sturz von der Fensterbank besser überleben? Ton oder Stein? Und er sah schon, der Hölzerne hielt sich raus.
"Was meint Ihr denn, wie soll ich mich nennen?" fragte der blau Glasierte nach einiger Zeit.
"Das musst Du schon selber wissen, du tust doch sonst so schlau", piepste Catbird und blickte irgendwie hochnäsig auf den blau Glasierten herunter. Und ebenso hochnäsig ging er mit dem Hölzernen um.
"Und du, du Holzkopf, warum sagst du nichts?"
Der Hölzerne, der stur geradeaus starrte, fühlte sich aber nicht stur sondern bekam einen Wutanfall. Holzkopf? Er fing an, leise vor sich hin zu schaukeln und wupps, stieß er gegen Carbird, der nicht allzu fest auf seinem Bein stand - ja, er hatte leider nur eins - und der rutschte von der Fensterbank und knallte mit lautem Krach auf den Boden.
Dem blau Glasierten wurde angst und bange. Hatte er seit langem neben einem Berserker gesessen? Er überlegte, wie seine Chancen standen, auf der Fensterbank sitzen bleiben zu können. Gut standen sie, denn er saß fest auf seinem dicken blauen Popo. So beruhigt er sich, seine blauen Augen blickten himmelwärts und er beschloss, einfach den Mund zu halten.
Der Hölzerne saß wieder artig auf seinem Platz. Catbird gab natürlich auch keinen Ton mehr von sich. Er war froh, dass er noch alle Glieder beieinander hatte und hoffte, dass "Sie" ihn am Morgen wieder auf seinen angestammten Platz setzen würde.
Und so war wieder Ruhe eingekehrt, schon ehe die Uhr die nächste Stunde schlug.
Verfasserin: Anne Pöttgen
|