Ode an die Rose
Rose, Wunder aller Blumen, die blühen,
jedes Blatt ein Zeuge der Liebe im Frühling.
Selbst die himmlischen Mächte erfreuen sich ihrer.
Sie ist die junge Leidenschaft der Aphrodite,
sie ist der Liebling der Cythere,
die Schläfe mit Blumenblättern umkränzt
und mit ihrem süßen Parfüm
macht sie ihre Herren trunken
Anakreon (580-495 v. Chr.)
Der Rosenelf
Inmitten eines Gartens wuchs ein Rosenstrauch,
der war ganz voller Rosen,
und in einer davon, der schönsten von allen,
wohnte ein Elf; er war so winzig klein,
daß kein menschliches Auge ihn sehen konnte,
hinter jedem Blatt in der Rose
hatte er so wohlgestalt und hübsch,
wie ein Kind nur sein konnte,
und hatte Flügel an den Schultern,
hinab bis zu den Füßen.
Oh, es war ein Duft in seinen Zimmern,
und wie hell und schön waren die Wände!
Sie waren ja die feinen hellrosa Rosenblätter.
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Laurins Rosengarten
Der Garten war ein Wunder
Mit seiner Rosenpracht;
Sein Rosenduft erfüllte
das Tal bei Tag und Nacht.
Ein ganzer Wald von Rosen,
An Schönzeit wunderbar,
Verblühte und erblühte
Darin das ganze Jahr.
Viel bunte Falter schwärmten
Im Garten hin und her,
Sie flatterten und Forschten,
Welch Röslein schöner wär?
Und um die Rosen tanzten
Viel schöne Käferlein,
Und schliefen, Süßes träumend,
Im Duft der Blumen ein.
Aus immergrünen Büschen
Ertönte Vogelsang,
Gar wonnesam und lieblich
An Ohr und Herz er klang;
Und Wässerlein und Quellen,
So rein, so hell und klalr,
Die murmelten und rauschten
Im Garten wunderbar.
Und kam ein müder Wand´rer
Dem Rosengarten nah´,
Er wollte nimmer weiter,
So wohl ihm da geschah.
Der duft´ge Wundergarten
War König Laurins Lust;
Er brach sich oft ein Röslein
Und steckt' es an die Brust.
Doch lieb war ihm vor allen
Ein Röslein schön und rein,
Das hielt er wohl verschlossen
Im tiefen Berge drein.
Die Rosen in dem Garten
Sind reizend auszusehen!
Die wilden Heckenrosen
Sind noch einmal so schön!
Hermann Löns
Der Duft der Rose
Der Duft der Rose nimmt dich
in einen süßen Bann
rührt Dich liebkosend leise
wie eine Liederweise
mit Ahnung voller Schönheit an;
ist ohne Gleichnis rein und zart:
Du kannst es nicht ermessen,
fühlst nur ein süß Vergessen
und eine süße Gegenwart.
Hermann Hesse (1877-1962)
Dunkelblaue Rosen zur Nacht
Dunkelblaue Rosen,
geschenkt an einem Tag,
sind wie Küsse und Kosen
von einem, der dich mag.
Dunkelblaue Rosen,
geschenkt in einer Nacht,
verheißen einen Rausch der Sinne,
der dich betört sehr sacht,
dann glückselig und verzückt,
in ein blaues Sternenparadies entrückt.
Unbekannter Verfasser
Der Schmetterling
Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
umflattert sie tausendmal,
ihn selber aber, goldig zart,
umflattert der liebende Sonnenstrahl.
Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?
Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
ich aber lieb euch all:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.
Heinrich Heine (1797-1856)
Kommt durch das Fenster der Rosengeruch
Als zärtlich lieblicher Besuch
Kommt durch das Fenster der Rosengeruch,
Geht mitten unter die Tagessorgen
Und zeigt auf die wirkenden Gärten im Morgen.
Mir ruht die Arbeit kurz still in der Hand.
Auch Sorg' lebt mit Rosen eng Wand an Wand,
Denk' ich, und fühle mein Blut versüßt,
Als ob mich im Geist ein Geist warm küßt,
Der mich von meiner Liebsten grüßt.
Max Dauthendey
Die Rosen öffnen ihre runden Schalen
Die Rosen öffnen ihre runden Schalen
Und leuchten weithin mit den roten Strahlen,
Sind wie gewölbte Muscheln in dem Gartenmeer,
Steh'n wie die Urnen aufgeglühter Stunden unterm Laub umher.
Die Dornen, die sich eng an Rosen halten,
Sind wie die Hände, die sich um das Liebste falten.
Und wachen eifersüchtig und entschlossen
Und haben Zudringliche fortgestoßen.
Manch Tropfen Blut ist um die röteste geflossen.
Max Dauthendey
Rose
Es blüht die Rose leuchtend hell und rot.
Sie scheint ihr Blühen sanft zu zelebrieren,
als wisse sie, dass ihr das Welken droht,
und träume nun, ihr Leben konservierend.
Entfaltet langsam Blatt für Blatt die Blüte,
bis duftend ihre Schönheit offenbar.
Sie mag wohl sorgsam ihr Geheimnis hüten,
das lange sie bewahrt, so wunderbar.
Um strahlend schön im sonnengoldnen Glanze
in ihrer Blüten Pracht nun aufzugehen,
wenn Schmetterlinge, Bienen sie umtanzen,
die summend, suchend nach dem Nektar sehen.
Dann schenkt die Rose ihre Süße hin.
Des Lebens Lauf verspricht den Neubeginn.
© Ingrid Herta Drewing
Parfüm
Die Sonne schien die Rosen zu behüten;
nur ab und zu ein muntrer Schmetterling
sich zärtlich schmiegte an die zarten Blüten,
dort schwelgend in dem Duft, der ihn umfing.
Die Ernte kam, und alle Blüten fielen
in Körbe, wurden sorgsam ausgezupft.
Als Rohstoff mussten sie die Rolle spielen;
das Rosenöl ward kundig dann gelupft.
Für lange Zeit die Süße zu bewahren
und zu genießen flüchtige Natur,
kunstvoll gebannt; seit tausenden von Jahren,
kreiert der Mensch Parfüm, folgt Duftes Spur.
Und träumt im Winter von der Rosen Feuer,
erkauft sich Sommerillusion auch teuer.
© Ingrid Herta Drewing
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