Theodor Storm war und ist in meiner Familie seit vielen Generationen außerordentlich hoch angesehen und so wurde ganz

selbstverständlich allen Kindern immer schon früh aus "Der kleine Häwelmann" oder "Die Regentrude" vorgelesen.

Werke wie "Bulemanns Haus ", "Der Schimmelreiter", "Pole Poppenspäler" u.a.m. haben mich zudem durch meine Schulzeit begleitet.

 

"Als Lyriker ist er, das Mindeste zu sagen, unter den drei, vier Besten, die nach Goethe kommen."

Theodor Fontane

"Er ist ein Meister, er bleibt."

Thomas Mann

Auch heute noch lese ich Storm für mein Leben gern, denn er bringt in meinem Herzen die norddeutsche Seite zum Klingen,

was vielleicht nur der/diejenige unter unseren LeserInnen verstehen mag, der selbst im Land zwischen den Meeren aufgewachsen,

und daher bestens vertraut ist mit den Schrullen und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner, dem Wetter und der Mundart, die es so

hervorragend versteht, Unangenehmes auf den Punkt zu bringen und dabei trotzdem charmant zu klingen.

 

Herzlichst

                    Ihre Anna

 


                      © Mary's Little Lamb

 

 

 

Ostern
 

Es war daheim auf unserem Meeresdeich;

ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,

zu mir herüber scholl verheißungsreich

mit vollen Klang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelt das Meer,

die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,

die Möwen schossen blendend hin und her,

eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand

war sammetgrün die Wiese aufgegangen;

der Frühling zog prophetisch über Land,

die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen.

Entfesselt ist die urgewalgte Kraft,

die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,

und alles treibt, und alles webt und schafft,

des Lebens vollste Pulse hörte ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresduft,

vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;

der Frühlingswind geht klingend durch die Luft

und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht,

daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;

entfalte dich du gottgebornes Licht,

und wanke nicht du feste Heimaterde!

Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht

aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,

wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,

die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr

den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;

denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer

Das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm

 

 

 

Ständchen
 

Weiße Mondesnebel schwimmen
Auf den feuchten Wiesenplanen;
Hörst du die Gitarre stimmen
In dem Schatten der Platanen?

Dreizehn Lieder sollst du hören,
Dreizehn Lieder, frisch gedichtet;
Alle sind, ich kann's beschwören,
Alle nur an dich gerichtet.

An dem zarten schlanken Leibchen
Bis zur Stirne auf und nieder,
Jedes Fünkchen, jedes Stäubchen,
Alles preisen meine Lieder.

Wahrlich, Kind, ich hab zuzeiten
Übermütige Gedanken!
Unermüdlich sind die Saiten,
Und der Mund ist ohne Schranken.

Vom geheimsten Druck der Hände
Bis zum nimmersatten Küssen!
Ja, ich selber weiß am Ende
Nicht, was du wirst hören müssen.

Laß dich warnen, laß mich schweigen.
Laß mich Lied um Liebe tauschen;
Denn die Blätter an den Zweigen
Wachen auf und wollen lauschen.

Weiße Mondesnebel schwimmen
Auf den feuchten Wiesenplanen;
Hörst du die Gitarre stimmen
In dem Schatten der Platanen?

Theodor Storm

 

 

 

Meeresstrand
 

Ans Haff nun fliegt die Möwe,

und Dämmrung bricht herein;

über die feuchten Watten

spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet

neben dem Wasser her;

wie Träume liegen die Inseln

im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes

geheimnisvollen Ton,

einsames Vogelrufen

So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise

und schweigt dann der Wind;

vernehmlich werden die Stimmen,

die über der Tiefe sind.

Theodor Storm

 

 

 

Die Stadt
 

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm

 

 

 

Die Möwe und mein Herz
 

Hin gen Norden zieht die Möwe,
Hin gen Norden zieht mein Herz;
Fliegen beide aus mitsammen,
Fliegen beide heimatwärts.

Ruhig, Herz! du bist zur Stelle;
Flogst gar rasch die weite Bahn -
Und die Möwe schwebt noch rudernd
Überm weiten Ozean.

Theodor Storm

 

 

 

Auf dem hohen Küstensande
 

Auf dem hohen Küstensande
Wandre ich im Sonnenstrahl;
Über die beglänzten Lande
Bald zum Meere, bald zum Strande
Irrt mein Auge tausendmal.

Aber die Gedanken tragen
Durch des Himmels ewig Blau
Weiter, als die Wellen schlagen,
Als der kühnsten Augen Wagen,
Mich zur heißgeliebten Frau.

Und an ihre Türe klink ich,
Und es rufr so süß: Herein!
Und in ihre Arme sink ich,
Und von ihren Lippen trink ich,
Und aufs neue ist sie mein.

Theodor Storm

 

 

 

Sturmnacht
 

Im Hinterhaus, im Fliesensaal
Über Urgroßmutters Tisch' und Bänke,
Über die alten Schatullen und Schränke
Wandelt der zitternde Mondenstrahl.
Vom Wald kommt der Wind
Und fährt an die Scheiben;
Und geschwind, geschwind
Schwatzt er ein Wort,
Und dann wieder fort
Zum Wald über Föhren und Eiben.


Da wird auch das alte verzauberte Holz
Da drinnen lebendig;
Wie sonst im Walde will es stolz
Die Kronen schütteln unbändig,
Mit den Ästen greifen hinaus in die Nacht,
Mit dem Sturm sich schaukeln in brausender Jagd,
Mit den Blättern in Übermut rauschen,
Beim Tanz im Flug
Durch Wolkenzug
Mit dem Mondlicht silberne Blicke tauschen.

 

Da müht sich der Lehnstuhl, die Arme zu recken,
Den Rokokofuß will das Kanapee strecken,
In der Kommode die Schubfächer drängen
Und wollen die rostigen Schlösser sprengen;
Der Eichschrank unter dem kleinen Troß
Steht da, ein finsterer Koloß.
Traumhaft regt er die Klauen an,
Ihm zuckt's in der verlornen Krone;
Doch bricht er nicht den schweren Bann. -
Und draußen pfeift ihm der Wind zum Hohne
Und fährt an die Läden und rüttelt mit Macht,
Bläst durch die Ritzen, grunzt und lacht,
Schmeißt die Fledermäuse, die kleinen Gespenster,
Klitschend gegen die rasselnden Fenster.
Die glupen dumm neugierig hinein -
Da drinn' steht voll der Mondenschein.

 

Aber droben im Haus
Im behaglichen Zimmer
Beim Sturmgebraus
Saßen und schwatzten die Alten noch immer,
Nicht hörend, wie drunten die Saaltür sprang,
Wie ein Klang war erwacht
Aus der einsamen Nacht,
Der schollernd drang
Über Trepp' und Gang,
Daß drin in der Kammer die Kinder mit Schrecken
Auffuhren und schlüpften unter die Decken.

Theodor Storm

 

 

 

Im Schloßgarten
 

Das ist die Drossel, die da schlägt,

der Frühling, der mein Herz bewegt;

ich fühle, die sich hold bezeigen,

die Geister aus der Erde steigen.

Das Leben fließet wie ein Traum

Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

Theodor Storm

 

 

 

Sommermittag
 

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offnen Bodenluk',
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
»Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! nicht zu laut.«

Theodor Storm

 

 

 

Frauen-Ritornelle
 

Blühende Myrte -

Ich hoffte süße Frucht von dir zu pflücken;

Die Blüte fiel; nun seh ich, daß ich irrte.

Schnell welkende Winden -

Die Spur von meinen Kinderfüßen sucht ich

An eurem Zaun, doch konnt ich sie nicht finden.

Muskathyazinthen -

Ihr blühtet einst in Urgroßmutters Garten;

Das war ein Platz, weltfern, weit, weit dahinten.

Dunkle Zypressen -

Die Welt ist gar zu lustig;

Es wird doch alles vergessen.

Theodor Storm

 

 

 

Ritornelle
 

Maienglocken,

Ich seh euch jetzt verlassen blühn im Garten.

Sonst hieltet ihr euch gern zu braunen Locken.

Blaue Veilchen,

Ich kenn euch, ich lieb euch, ich find euch;

Wartet nur ein Weilchen!

Braune Myrten,

Euch schaut ich an; doch wißt ihr auch,

Wohin die Gedanken irrten?

Theodor Storm

 

 

 

Gartenspuk
 

Daheim noch war es; spät am Nachmittag.

Im Steinhof unterm Laub des Eschenbaums

Ging schon der Zank der Sperlinge zur Ruh;

Ich, an der Hoftür, stand und lauschte noch,

Wie Laut um Laut sich mühte und entschlief.

Der Tag war aus; schon vom Levkojenbeet

Im Garten drüben kam der Abendduft;

Die Schatten fielen; bläulich im Gebüsch

Wie Nebel schwamm es. Träumend blieb ich stehn,

Gedankenlos, und sah den Steig hinab;

Und wieder sah ich - und ich irrte nicht -

Tief unten, wo im Grund der Birnbaum steht,

Langsam ein Kind im hohen Grase gehen;

Ein Knabe schien's, im grauen Kittelchen.

Ich kannt es wohl, denn schon zum öftern Mal

Sah dort im Dämmer ich so holdes Bild;

Die Abendstille schien es herzubringen,

Doch näher tretend fand man es nicht mehr.

Nun ging es wieder, stand und ging umher,

Als freu es sich der Garteneinsamkeit. -

Ich aber, diesmal zu beschleichen es,

Ging leise durch den Hof und seitwärts dann

Im Schatten des Holunderzauns entlang,

Sorgsam die Schritte messend; einmal nur

Nach einer Erdbeerranke bückt ich mich,

Die durch den Weg hinausgelaufen war.

Schon schlüpft ich bei der Geißblattlaube durch;

Ein Schritt noch ums Gebüsch, so war ich dort,

Und mit den Händen mußt ich's greifen können.

Umsonst! - Als ich den letzten Schritt getan,

Da war es wieder wie hinweggetäuscht.

Still stand das Gras, und durch den grünen Raum

Flog surrend nur ein Abendschmetterling;

Auch an den Linden, an den Fliederbüschen,

Die ringsum standen, regte sich kein Blatt.

Nachsinnend schritt ich auf dem Rasen hin

Und suchte töricht nach der Füßchen Spur

Und nach den Halmen, die ihr Tritt geknickt;

Dann endlich trat ich aus der Gartentür,

Um draußen auf dem Deich den schwülen Tag

Mit einem Gang im Abendwind zu schließen.

Doch als ich schon die Pforte zugedrückt,

Den Schlüssel abzog, fiel ein Sonnenriß,

Der in der Planke war, ins Auge mir;

Und fast unachtsam lugte ich hindurch.

Dort lag der Rasen, tief im Schatten schon;

Und sieh! Da war es wieder, unweit ging's,

Grasrispen hatt es in die Hand gepflückt;

Ich sah es deutlich... In sein blaß Gesichtchen

Fiel schlicht das Haar; die Augen sah man nicht,

Sie blickten erdwärts, gern, so schien's, betrachtend,

Was dort geschah; doch lächelte der Mund.

Und nun an einem Eichlein kniet' es hin,

Das spannenhoch kaum aus dem Grase sah

- Vom Walde hatt ich jüngst es heimgebracht -,

Und legte sacht ein welkes Blatt beiseit

Und strich liebkosend mit der Hand daran.

Darauf - kaum nur vermocht ich's zu erkennen;

Denn Abend ward es, doch ich sah's genau -

Ein Käfer klomm den zarten Stamm hinauf,

Bis endlich er das höchste Blatt erreicht;

Er hatte wohl den heißen Tag verschlafen

Und rüstete sich nun zum Abendflug.

Rückwärts die Händchen ineinanderlegend,

Behutsam sah das Kind auf ihn herab.

Schon putzte er die Fühler, spannte schon

Die Flügeldecken aus, ein Weilchen, und

Nun flog er fort. Da nickt' es still ihm nach.

Ich aber dachte: 'Rühre nicht daran!'

Hob leis die Stirn und ging den Weg hinab,

Den Garten lassend in so holder Hut.

Nicht merkt ich, daß einsam die Wege wurden,

Daß feucht vom Meere strich die Abendluft;

Erfüllet ganz von süßem Heimgefühl,

Ging weit ich in die Dunkelheit hinaus.

Da fiel ein Stern; und plötzlich mahnt' es mich

Des Augenblicks, da ich das Haus verließ,

Die Hand entreißend einer zarteren,

Die drin im Flur mich festzuhalten strebte;

Denn schon selbander hausete ich dort. -

Nun ging ich raschen Schritts den Weg zurück;

Und als ich spät, da schon der Wächter rief,

Heimkehrend wieder durch den Garten schritt,

Hing stumm die Finsternis in Halm und Zweigen,

Die Kronen kaum der Bäume rauschten leis.

Vom Hause her nur, wo im Winkel dort

Der Nußbaum vor dem Kammerfenster steht,

Verstohlen durch die Zweige schien ein Licht.

Ein Weilchen noch, und sieh! ein Schatten fiel,

Ein Fenster klang, und in die Nacht hinaus

Rief eine Stimme: »Bist du's?« - »Ja, ich bin's!«

Die Zeit vergeht; längst bin ich in der Fremde,

Und Fremde hausen, wo mein Erbe steht.

Doch bin ich einmal wieder dort gewesen;

Mir nicht zur Freude und den andern nicht.

Einmal auch in der Abenddämmerung

Geriet ich in den alten Gartenweg.

Da stand die Planke; wie vor Jahren schon

Hing noch der Linden schön Gezweig herab;

Von drüben kam Resedaduft geweht,

Und Dämmrungsfalter flogen durch die Luft.

Ging's noch so hold dort in der Abendstunde? -

Fest und verschlossen stand die Gartentür;

Dahinter stumm lag die vergangne Zeit.

Ausstreckt ich meine Arme; denn mir war,

Als sei im Rasen dort mein Herz versenkt. -

Da fiel mein Aug auf jenen Sonnenriß,

Der noch, wie ehmals, ließ die Durchsicht frei.

Schon hatt ich zögernd einen Schritt getan;

Noch einmal blicken wollt ich in den Raum,

Darin ich sonst so festen Fußes ging.

Nicht weiter kam ich. Siedend stieg mein Blut,

Mein Aug ward dunkel; Grimm und Heimweh stritten

Sich um mein Herz; und endlich, leidbezwungen,

Ging ich vorüber. Ich vermocht es nicht.

Theodor Storm

 

 

 

Blumenduft vom Nachbarfenster
 

 Blumenduft vom Nachbarfenster
Weht der Wind zu mir herein,
Und es scheint ein Gruß der Liebe
Aus der Ferne mir zu sein

Theodor Storm

 

 

 

Geh schlafen, Herz!
 

Geh schlafen, Herz! Sie kommt nicht mehr,

Dereinst wohl wäre sie gekommen;

Doch hat die Zeit, wie manches sonst,

Auch dieses mir dahingenommen.

Theodor Storm

 

 

 

Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt
 

Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt

Und daß ich endlich scheiden muß,

Daß endlich doch das letzte Lied

Und endlich kommt der letzte Kuß.

Noch hing ich fest an deinem Mund

In schmerzlich bangender Begier;

Du gibst der Jugend letzten Kuß,

Die letzte Rose gibst du mir.

Du schenkst aus jenem Zauberkelch

Den letzten goldnen Trunk mir ein;

Du bist aus jener Märchenwelt

Mein allerletzter Abendschein.

Am Himmel steht der letzte Stern,

O halte nicht dein Herz zurück;

Zu deinen Füßen sink ich hin,

O fühl's, du bist mein letztes Glück!

Laß einmal noch durch meine Brust

Des vollsten Lebens Schauer wehn,

Eh seufzend in die große Nacht

Auch meine Sterne untergehn.

Theodor Storm

 

 

 

Die Zeit ist hin
 

Die Zeit ist hin; du löst dich unbewußt

Und leise mehr und mehr von meiner Brust;

Ich suche dich mit sanftem Druck zu fassen,

Doch fühl ich wohl, ich muß dich gehen lassen.

So laß mich denn, bevor du weit von mir

Im Leben gehst, noch einmal danken dir;

Und magst du nie, was rettungslos vergangen,

In schlummerlosen Nächten heimverlangen.

Hier steh ich nun und schaue bang zurück;

Vorüber rinnt auch dieser Augenblick,

Und wieviel Stunden dir und mir gegeben,

Wir werden keine mehr zusammen leben.

 Theodor Storm

 

 

 

Abschied
 

Was zu glücklich, um zu leben,

Was zu scheu, um Klang zu geben,

Was zu lieblich zum Entstehen,

Was geboren zum Vergehen,

Was die Monde nimmer bieten,

Rosen aus verwelkten Blüten,

Tränen dann aus jungem Leide

Und ein Klang verlorner Freude.  

Du weißt es, alle, die da sterben

Und die für immer scheiden gehn,

Die müssen, wär's auch zum Verderben,

Die Wahrheit ohne Hehl gestehn.

So leg ich's denn in deine Hände,

Was immer mir das Herz bewegt;

Es ist die letzte Blumenspende,

Auf ein geliebtes Grab gelegt.

Theodor Storm

 

 

 

Wohl rief ich sanft dich an mein Herz
 

Wohl rief ich sanft dich an mein Herz,

Doch blieben meine Arme leer;

Der Stimme Zauber, der du sonst

Nie widerstandest, galt nicht mehr.

Was jetzt dein Leben füllen wird,

Wohin du gehst, wohin du irrst,

Ich weiß es nicht; ich weiß allein,

Daß du mir nie mehr lächeln wirst.

Doch kommt erst jene stille Zeit,

Wo uns das Leben läßt allein,

Dann wird, wie in der Jugend einst,

Nur meine Liebe bei dir sein.

Dann wird, was jetzt geschehen mag,

Wie Schatten dir vorübergehn,

Und nur die Zeit, die nun dahin,

Die uns gehörte, wird bestehn.

Und wenn dein letztes Kissen einst

Beglänzt ein Abendsonnenstrahl,

Es ist die Sonne jenes Tags,

Da ich dich küßte zum erstenmal

Theodor Storm

 

 

 

Dämmerstunde
 

Im Sessel du, und ich zu deinen Füßen -

Das Haupt zu dir gewendet, saßen wir;

Und sanfter fühlten wir die Stunden fließen,

Und stiller ward es zwischen mir und dir;

Bis unsre Augen ineinandersanken

Und wir berauscht der Seele Atem tranken.

Theodor Storm

 

 

 

Dämmerstunde
 

Im Nebenzimmer saßen ich und du;

Die Abendsonne fiel durch die Gardinen;

Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh,

Von rotem Licht war deine Stirn beschienen.

Wir schwiegen beid'; ich wußte mir kein Wort,

Das in der Stunde Zauber mochte taugen;

Nur nebenan die Alten schwatzten fort -

Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.

Theodor Storm

 

 

 

Abends
 

Die Drossel singt, im Garten scheint der Mond;

Halb träumend schwankt im Silberschein die Rose.

Der Abendfalter schwingt sich sacht heran,

Im Flug zu ruhn an ihrem zarten Moose.

Nun schwirrt er auf - doch sieh! er muß zurück;

Die Rose zwingt ihn mit gefeitem Zügel.

An ihrem Kelche hängt der Schmetterling,

Vergessend sich und seine bunten Flügel. --

Die Drossel singt, im Garten scheint der Mond;

Halb träumend wiegst du dich in meinen Armen.

O gönne mir der Lippen feuchte Glut,

Erschließ den Rosenkelch, den liebewarmen!

Du bist die Blume, die mich einzig reizt!

Dein heller Blick ist ein gefeiter Zügel!

An deinen Lippen hängt der Schmetterling,

Sich selbst vergessend und die bunten Flügel.

Theodor Storm

 

 

 

Abends
 

Warum duften die Levkojen soviel schöner bei der Nacht?

Warum brennen deine Lippen soviel röter bei der Nacht?

Warum ist in meinem Herzen so die Sehnsucht auferwacht,

Diese brennend roten Lippen dir zu küssen bei der Nacht?

Theodor Storm

 

 

 

Mit einer Handlaterne
 

Laterne, Laterne!

Sonne, Mond und Sterne,

Die doch sonst am Himmel stehn,

Lassen heut sich nimmer sehn;

Zwischen Wasserreih und Schloß

Ist die Finsternis so groß,

Gegen Löwen rennt man an,

Die man nicht erkennen kann!

Kleine freundliche Latern',

Sei du Sonne nun und Stern:

Sei noch oft der Lichtgenoß

Zwischen Wasserreih und Schloß

Oder - dies ist einerlei -

Zwischen Schloß und Wasserreih

Theodor Storm

 

 

 

Mondlicht
 

Wie liegt im Mondenlichte

Begraben nun die Welt;

Wie selig ist der Friede,

Der sie umfangen hält!

Die Winde müssen schweigen,

So sanft ist dieser Schein;

Sie säuseln nur und weben

Und schlafen endlich ein.

Und was in Tagesgluten

Zur Blüte nicht erwacht,

Es öffnet seine Kelche

Und duftet in die Nacht.

Wie bin ich solchen Friedens

Seit lange nicht gewohnt!

Sei du in meinem Leben

Der liebevolle Mond!

Theodor Storm

 

 

 

Nachts
 

Sternenschimmer, Schlummerleuchten

Hat nun rings die Welt umfangen;

Eingewiegt in tiefen Frieden

Schläft der Menschen Hast und Bangen.

Nur die seligen Engel wachen,

Leise durch den Himmel schwebend,

Alle, die hier unten schieden,

An die reinen Herzen hebend.

Und mir ist, als müßt ich einstens

Nach der letzten Not auf Erden

Tief befriedet, kinderselig

So von dir getragen werden

Theodor Storm

 

 

 

Nachts
 

Wie sanft die Nacht dich zwingt zur Ruh,

Stiller werden des Herzens Schläge;

Die lieben Augen fallen dir zu,

Heimlich nur ist die Sehnsucht rege.

Halbe Worte von süßem Bedeuten

Träumerisch über die Lippen gleiten

Theodor Storm

 

 

 

Es ist ein Flüstern
 

Es ist ein Flüstern in der Nacht,

Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;

Ich fühl's, es will sich was verkünden

Und kann den Weg nicht zu mir finden.

Sind's Liebesworte, vertrauet dem Wind,

Die unterwegs verwehet sind?

Oder ist's Unheil aus künftigen Tagen,

Das emsig drängt sich anzusagen

Theodor Storm

 

 

 

Schlaflos
 

Aus Träumen in Ängsten bin ich erwacht;

Was singt doch die Lerche so tief in der Nacht!

Der Tag ist gegangen, der Morgen ist fern,

Aufs Kissen hernieder scheinen die Stern'.

Und immer hör ich den Lerchengesang;

O Stimme des Tages, mein Herz ist bang.

Theodor Storm

 

 

 

Traumliebchen
 

Nachts auf des Traumes Wogen

Kommt in mein Kämmerlein

Traumliebchen eingezogen,

Luftig wie Mondenschein.

Sie ruht auf meinem Kissen,

Sie stört mich auf mit Küssen

Und lullt mich wieder ein.

Glühend um meine Glieder

Flutet ihr dunkles Haar,

Auf meine Augenlider

Neigt sie der Lippen Paar.

»So küß mich, du blöder Schäfer!

Dein bin ich, du süßer Schläfer,

Dein heut und immerdar!«

»Fort, fort aus meinem Stübchen,

Gaukelndes Nachtgesicht!

Ich hab ein eigen Liebchen,

Ein andres küß ich nicht!«

Umsonst, ich blieb gefangen,

Bis auf des Morgens Wangen

Brannte das rosige Licht.

Da ist sie fortgezogen,

Schwindend wie Mondesschein,

Singend auf Traumeswogen

Schelmische Melodein:

»Traum, Traum ist alles Lieben!

Wann bist du treu geblieben?

Wie lang wohl wirst du's sein?«

Theodor Storm