Du bist vergangen, eh ichs gedacht

Du bist vergangen, eh' ich's gedacht,
Wie eine Blume verblüht über Nacht.
Wie eine Blum' über Nacht verblüht,
Auf die umsonst der Frühtau sprüht.
Es sprüht umsonst der frühe Tau,
Wie auf dich meine Thränen lau.
Es sprühn meine Thränen lau auf dich,
Und du bist nicht erwacht für mich.
Und du bist nicht für mich erwacht,
Meine Blume, verblüht über Nacht!

 

Friedrich Rückert
Aus den Kindertotenliedern

1788-1866

 

 

 

 

Du bist ein Schatten am Tage

Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find' ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

 

Friedrich Rückert
Aus den Kindertotenliedern

1788-1866

 

 

   

 

 

Oft denk’ ich

Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen,

Bald werden sie wieder nach Hause gelangen,

Der Tag ist schön, o sei nicht bang,

Sie machen nur einen weiten Gang.

Jawohl, sie sind nur ausgegangen,

Und werden jetzt nach Hause gelangen;

O sei nicht bang, der Tag ist schön,

Sie machen nur den Gang zu jenen Höh’n.

Sie sind uns nur voraus gegangen,

Und werden nicht hier nach Haus verlangen,

Wir holen sie ein auf jenen Höh'n

Im Sonnenschein, der Tag ist schön.

 

Friedrich Rückert
Aus den Kindertotenliedern

1788-1866

 

 

 

 

 

Rime 194

Qui vuol mie sorte c'anzi tempo i' dorma:

Nè son già morto: e ben c' albergo cangi,

resto in te vivo, c' or mi vedi e piangi;

se l'un nell' altro amante si trasforma.

Qui son morto creduto; e per conforto

del mondo vissi, e con mille alme in seno

di veri amanti: adunche, a venir meno,

per tormen' una sola non son morto.

 

Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf.

Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume.

Ich leb in euch, ich geh in eure Träume,

da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.

Ihr glaubt mich tot, doch dass die Welt ich tröste,

leb ich mit tausend Seelen dort, an diesem wunderbaren Ort,

im Herzen der Lieben. Nein, ich ging nicht fort,

Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.

 

Michelangelo Buonarroti

1475-1564

Unbekannter Übersetzer

 

 

 

 

Do not stand at my grave and weep

Do not stand at my grave and weep,

I am not there, I do not sleep.

 

I am a thousand winds that blow.

I am the diamond glint on snow.

I am the sunlight on ripened grain.

I am the gentle autumn rain.

 

When you wake in the morning hush,

I am the swift, uplifting rush

Of quiet birds in circling flight.

I am the soft starlight at night.

 

Do not stand at my grave and weep.

I am not there, I do not sleep.

(Do not stand at my grave and cry.

I am not there, I did not die!

 

Mary Frye

1904-2004

 

 

 

 

Graue Tage

 

Es ist mitunter,
als wären alle Fäden abgeschnitten ..
als wäre alles um dich her
weitab und leer,
ein toter Raum,

und du dir selbst ein fremder Traum ..

...als käme nie die Sonne wieder,
als klänge nie ein Lied mehr durch,
als höre alles langsam auf ..

und plötzlich flimmert's durch die Wolken
und plötzlich trifft ein Klang ans Ohr
und leise fliegt auf goldenem Flügel
ein Schmetterling am Weg empor!
 

 

Cäsar Flaischlen

1864-1920

 

 

 

 

Du musst das Leben nicht verstehen

** Vertont im Rahmen des Rilke-Projekts mit Hannelore Elsner **

 

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

 

Rainer Maria Rilke

1875-1926

 

 

 

Leben ist nur der Traum eines Traumes, und das Wachsein ist anderswo.

 

Rainer Maria Rilke

1875-1926

 

 

 

Abschied

** Vertont im Rahmen des Rilke-Projekts mit Christa Fast **

 

Irgendwo blüht die Blume des Abschieds

Und streut immerfort Blütenstaub

Den wir atmen herüber

Auch noch im kommenden Wind atmen wir

Abschied

 

Rainer Maria Rilke

1875-1926

 

 

 

Wie wenn das Leben wär nichts andres

Natur, du kannst mich nicht vernichten,

Weil es dich selbst vernichten heißt.

Hebbel

Wie wenn das Leben wär nichts andres

Als das Verbrennen eines Lichts!

Verloren geht kein einzig Teilchen,

Jedoch wir selber gehn ins Nichts!

Denn was wir Leib und Seele nennen,

So fest in eins gestaltet kaum,

Es löst sich auf in Tausendteilchen

Und wimmelt durch den öden Raum.

Es waltet stets dasselbe Leben,

Natur geht ihren ew'gen Lauf;

In tausend neuerschaffnen Wesen

Stehn diese tausend Teilchen auf.

Das Wesen aber ist verloren,

Das nur durch ihren Bund bestand,

Wenn nicht der Zufall die verstäubten

Aufs neu zu einem Sein verband.

 

Theodor Storm

1817-1888

 

 

 

 

Death Is Nothing At All

Deutsche Übersetzung von Bertram Kottmann

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“Death is nothing at all. It does not count.
I have only slipped away into the next room.
Nothing has happened. Everything remains exactly as it was.
I am I, and you are you,
and the old life that we lived so fondly together
is untouched, unchanged.
Whatever we were to each other, that we are still.
Call me by the old familiar name.
Speak of me in the easy way which you always used.
Put no difference into your tone.
Wear no forced air of solemnity or sorrow.
Laugh as we always laughed at the little jokes that we enjoyed together.
Play, smile, think of me, pray for me.
Let my name be ever the household word that it always was.
Let it be spoken without an effort,
without the ghost of a shadow upon it.
Life means all that it ever meant. It is the same as it ever was.
There is absolute and unbroken continuity.
What is this death but a negligible accident?
Why should I be out of mind because I am out of sight?
I am but waiting for you, for an interval, somewhere very near, just  
round the corner.
All is well. Nothing is hurt; nothing is lost.
One brief moment and all will be as it was before.
How we shall laugh at the trouble of parting
when we meet again!”

 

Henry Scott Holland

1847-1918

 

 

 

 

Wer sagt die Zeit heilt Wunden

Wer sagt die Zeit heilt Wunden,

der hat es nicht gesehn,

der hats noch nicht empfunden,

wenn geliebte von uns gehen.

Wer sagt es geht doch weiter,

das Leben und die Welt,

der kennt nicht diese Schwere,

die mich so oft befällt.

Wer sagt, ich kanns verstehen,

sie fehlt dir halt so sehr

und kennt die Schmerzen selbst nicht,

sagt besser gar nichts mehr.

Wie will er denn verstehen,

steckt nicht in meiner Haut,

kennt nicht den Strick um meinen Hals,

der mir den Atem raubt.

Ich weiß, sie wollen helfen,

mit Worten gut gemeint

doch ist das keine Hilfe,

wenn man nicht mit mir weint.

Und andre schweigen einfach,

weil sie so hilflos sind.

Sie wollen mich nicht verletzen,

doch töten so mein Kind.

Ich will nicht euer Beileid,

das so kein Trost mir ist.

Was ich brauch ist ein Herz,

das nie mein Kind vergisst.

Ja, Trost das wär so einfach,

die Nähe, die entsteht,

bei dem Versuch zu trösten,

wenn man den Weg gemeinsam geht.

 

Unbekannter Verfasser

 

 

  

 

 

Zitate

 

"Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war,

hat sein Leben einen Sinn gehabt."

Alfred Delp

1907-1945

 

 

"Ich träume, und der geliebte Mensch ist mir nahe. Ich erwache und bin allein.

Leer ist meine Welt. Unergründlich die Tiefe die alles verschlang.

Aber die Liebe und Wärme vergangener Tage weht zu mir herüber.

Fast wie ein Trost."

Sándor Weöres

1913-1989

 

 

"Ich bin von Euch gegangen, nur für einen kurzen Augenblick und gar nicht weit.

Wenn Ihr dahin kommt, wo ich jetzt bin, werdet Ihr Euch fragen, warum Ihr geweint habt."

Lao Tse

6. Jahrhundert v. u. Z.

 

 

"Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren."

Johann Wolfgang von Goethe

1749-1832

 

 

"Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die meisten Jahre zählt, sondern der, welcher sein Leben am meisten empfunden hat."

Jean-Jacques Rousseau

1712–1778

 

 

"Seht, die Bande der Liebe, die uns miteinander verbinden, werden mit dem Tode ja nicht durchschnitten."

Thomas Mann

1875-1955

 

 

"Wie man nach einem gut genutztenTag zufrieden schlafen geht, so stirbt man nach einem gut genutzten Leben."

Leonardo da Vinci

1452-1519

 

 

 

 

"Die Wirklichkeit des Lebens ist das Leben selbst, das weder im Mutterleib beginnt noch im Grab endet.

Die Jahre, die vergehen, sind nur ein Augenblick im Angesicht der Ewigkeit. Die Welt der Materie und alles,

was zu ihr gehört, ist nur ein Traum im Vergleich zu dem Erwachen, das wir den Schrecken des Todes nennen."

 

 

"Dieses Leben in der Welt ist - mit allem, was es enthält - ein Traum.

Das Erwachen aus diesem Traum ist der Tod."

 

 

"Der Tod gleicht dem Meer, der Leichte durchquert es mühelos, während der Schwere untergeht."

 

 

"Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen Ufern ihr sitzt und zuschaut, wie er fließt.

Doch das Zeitlose in euch ist sich der Zeitlosigkeit des Lebens bewußt.

Und weiß, daß Gestern nichts anderes ist, als die Erinnerung von Heute und Morgen der Traum von Heute."

 

 

"Leben und Tod sind eins, sowie der Fluss und das Meer eins sind.

Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen."

 

 

"Sprich nicht voller Kummer von meinem Weggehen, sondern schließe die Augen,

und du wirst mich unter euch sehen, jetzt und immer."

 

 

"Als ich meine Seele fragte, was die Ewigkeit mit den Wünschen macht, die wir sammelten, da erwiderte sie:

Ich bin die Ewigkeit!"

Khalil Gibran

1883-1931

 

 

 

 

"Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis,

ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere."

Wilhelm von Humboldt

1767-1835

 

 

"Alles was schön ist, bleibt auch schön, auch wenn es welkt. Und unsere Liebe bleibt Liebe, auch wenn wir sterben."

Maxim Gorki

1868-1936

 

 

Je nach Übersetzung:

"Ich glaube an nichts, ich hoffe auf nichts, ich bin frei."

"Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei."

Nikos Kazantzakis' Grabinschrift

1883-1957

 

 

 

 

"Gegangen bist du aus unserer Mitte, doch nicht aus unseren Herzen."

 

 

"Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken."

 

 

"Und immer sind da Spuren deines Lebens, Gedanken, Bilder und Augenblicke.

Sie werden uns an dich erinnern, uns glücklich und traurig machen und dich nie vergessen lassen."

 

 

"Menschen, die wir lieben, bleiben für immer, denn sie hinterlassen ihre Spuren in unseren Herzen."

 

 

"Du bist nicht mehr da, wo du warst – aber du bist überall, wo wir sind."

 

Leider unbekannt

 

 

 

 

An M.

Der du meine Wege mit mir gehst,

Jede Laune meiner Wimper spürst,

Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst – –.

Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.

Meine Liebe wird mich überdauern

Und in fremden Kleidern dir begegnen

Und dich segnen.

Lebe, lache gut!

Mache deine Sache gut!

 

Joachim Ringelnatz

1883-1934